 ... Es ging ihm so vieles im Kopf herum. Das Leben wird mit
jedem Tag komplizierter.
    An der Tür sich umwendend, gewahrte er auf einem kunstvoll gearbeiteten
Postamente eine jugendliche Frauenbüste, die ihm schon beim Eintritte
aufgefallen war, weil sie abseits von den anderen Bildwerken wie auf einem
Ehrenplatze stand. Es war ihm auch gewesen, als hätte ihr der verrückte Flocker
beim Hinausgehen heimlich eine Kusshand zugeworfen.
    »Verzeihen Sie eine letzte Frage, Herr Achtuber: wer tront dort gleichsam
als der weibliche Schutzgeist dieser kunstgeweihten Stätte?«
    Über das edle Gesicht des Künstlers flog ein siegesstolzes Leuchten und mit
feinem Lächeln sagte er, die Kraft seiner Stimme zu geheimnisvollem Flüstern
dämpfend: »Meine Herzensliebschaft, meine Afra!«
    »Afra?« fragte Drillinger nachdenklich wie einer, der sich auf verblasste
Träume und erloschene Zusammenhänge besinnt. »Die im Roman des Mister John eine
Rolle spielt?«
    Die Art des Fragens belustigte den Künstler; sie sprach ihn an wie
frauenhafte Neugierde. Nun wollte er zum Schluss mit dem Frager eine kleine
Komödie spielen: »Ich vermute sogar, dass sie eine der Ursachen von Johns Irrsinn
ist, insofern, als Johns etwas überempfindliches Hirn durch die Abweisung, die
er von Afras Mutter auf sein hitziges Liebeswerben erfahren, übergeschnappt ist
... Mister John leidet zeitweilig auch an der Wahnvorstellung, er sei Afras,
meiner Zukünftigen, leiblicher Vater ...«
    Nein, das Fabulieren wurde ihm doch zu schwer und es stritt auch gegen seine
Gewissenhaftigkeit, ein ihm so teures Wesen wie seine Afra in eine romantische
Komödie zu verflechten. Was wusste er auch von Afras Vorgeschichte mehr, als dass
ihre Kindheit im Findel- und dann in einem Erziehungshaus für Waisenkinder in
Newyork verflossen ist? Also genug des grausamen Spiels!
    Drillinger erwiderte: »Hm, seltsame Schicksale. Die Geschichte müssen Sie
mir einmal deutlich erzählen, wenn ich wiederkomme, Herr Achtuber. Afra,
sonderbar ...«
    »Mit Vergnügen, Herr Baron. Es ist zwar schauderhafte Romantik, und ich weiß
nicht, ob ich, der Naturalist, sie Ihnen zu Dank vortragen kann. Immerhin!«
    »Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, Mister John als Modell zu einem
Hiob zu benutzen?«
    »Er hat mich selbst darauf gebracht. Mit Vorliebe, das heißt mit der den
Verrückten eigenen Hartnäckigkeit verglich er sich mit dem alttestamentlichen
Dulder. Gleich dem Hiob habe ihn der grausame Gott, der überhaupt der Grund
alles Übels in der Welt sei, weil er mit dem Menschen experimentiere wie ein
Vivisektor mit seinen Versuchstieren - ihm, dem Mister John, seine Familie und
seine Reichtümer genommen und, nicht zufrieden mit dem angestifteten Unheil,
auch noch seine Freunde gegen ihn aufgehetzt und
