 und sich
erkundigte, ob der Herr Konsul schon von der Reise zurück sei? Die
Angelegenheiten der Isarbaugesellschaft, die Vorlagen des Architekten Zwerger
und die Wühlereien des Bankiers Weiler machen eine mündliche Unterredung
dringend notwendig. Schmerolds sind nur so förmlich, die ungewöhnliche
Besuchsstunde wird ihnen auffallen. Und Rassler mochte heute keinem kritischen
Blick, keinem kritischen Wort mehr begegnen. Ja, die Schmerolds, die haben noch
ein strenges Familienleben, das Respekt einflößt ...
    Er trat aus Balkonfenster und öffnete es leise, um die Abendlust zu prüfen.
Der Wind wehte das Abendgebetläuten vom Giesinger Berg in die Stadt; jetzt
ertönten die Glocken von der Mariahilferkirche in der An dazu, es war ein
feierlicher Zusammenklang, und nach und nach sielen die ehernen Stimmen der
näheren Kirchen ein, vom Gasteig, von Haidhausen, vom Lehel, von Bogellhausen -
die Lust des ganzen Isartals schien sich in Glockenklang anfzulösen, über den
rauschenden Wassern und frühlingsgrünen Wipfeln wogten die feierlichen
Harmonieen dahin, bald wie ein heller Psalm, bald wie klagende Geisterchöre ...
    Rassler lauschte. Er unterschied zuerst die hohen und die tiefen Klänge der
einzelnen Glocken, ihre Einsätze, ihren kürzeren oder breiteren Rhythmus, dann
ihr Aussetzen und Verstummen. Am mächtigsten summte es vom Haidhauser Turm.
Schließlich war er selbst so bewegt von der ergreifenden Schönheit des
Gebetläutens, dass er noch lange lauschend stand, als die letzten tönenden
Schwingungen verhallt waren. Hob er nicht langsam die Hand zu den Augen, eine
Träne auszuwischen? Zitterte es nicht wie ein Nachhall frommer Empfindung durch
seine Seele, wie ein verwehtes Gebet aus seiner Jugendzeit?
Liebster Mensch, was mag's bedeuten
Dieses Abendglockenläuten?
Es bedeutet abermal
Deines Lebens Ziel und Zahl.
Dieser Tag hat abgenommen,
Bald wird auch der Tod herkommen ...
    Wie ging's weiter? Er erinnerte sich der übrigen Verse nicht mehr. War's
nicht unheimlich, dass sie ihm überhaupt heute in den Sinn gekommen? Sein Vater
hatte sie ihm einst gelehrt; sein Vater hatte sie auch in den letzten Zügen
gesprochen, als er unter dem Geläute der Abendglocken seinen Geist aushauchte -
nach fürchterlicher Krankheit, nach fürchterlichem Todeskampfe. Er hatte ein
böses Wüstlingsleben auf langem Schmerzenslager abzubüssen ... Der Geistliche
hatte traurig den Kopf geschüttelt, als er seine letzte Beichte gehört.
Dienstboten, junge Mädchen und Frauen, nichts war vor seiner Gewalttätigkeit
sicher gewesen. Das wussten die Kinder - und schämten sich des eigenen Vaters.
Ein besudeltes Familienleben! Weg mit den Erinnerungen!
    Nein, er mochte heute nichts mehr von Geschäften wissen ... Zu Schmerold
konnte er morgen hinübergehen. Er wollte seine Kinder und seine Frau erwarten.
    Unter den alten Kastanienbäumen vor dem Rasslerschen Hause wandelte seit
einer Viertelstunde Max von
