 kämen wir da hin,
gnädige Frau? Moral ist etwas für sich selbst Bestehendes, alle Menschen ohne
Unterschied, das Genie wie den Dummkopf gleichmäßig Verpflichtendes! Bravo, Herr
Baron! Der deckt dich gehörig zu, mein Leo! ... Natürlich bleibt sie nicht bei
der Stange; sie springt ab, wie alle rechtaberischen Weiber ... Sie ist erhitzt
... Man hört jetzt allerwärts das Ziel der Moral ungefähr so bestimmen:
Erhaltung der tugendhaften Menschheit, Förderung der Wahrheit, Stärkung der
sozialen Ordnung. Erhaltung, Förderung, Stärkung, lauter Sand in die Augen. Die
Herrschenden und Besitzenden wollen die Moral von den Andern, sofern sie ihnen
Vorteil und Vergnügen verschafft - und sie machen sich blutwenig aus der Moral,
sofern sie ihnen keinen Vorteil und kein Vergnügen verschafft ... Aber Leo!
Hihihi ... ... Ah, nun fängt er sie mit Nachgiebigkeit. Der Pfiffikus! ...
Gnädige Frau, es hat edle und weise Männer gegeben, welche an die Musik der
Sphären geglaubt. Wir glauben nicht mehr daran. Sind jene Gläubigen darum
weniger edel und weise? Wir glauben nicht an Sphärenmusik, aber wir glauben an
die soziale Notwendigkeit der Moral, an die Schönheit ihrer sittlichen
Wirkungen. Soll man deshalb dereinst von unserer Intelligenz und unserem
Charakter geringer denken? Ich klatsche Beifall mit beiden Händen.«
    Und die Tür aufreissend: »Herr Baron, lassen Sie sich umarmen, Sie sind mein
Mann.«
    Als sich einmal der Baron wochenlang nicht hatte sehen lassen, begegnete ihm
Rassler zufällig in den Isar-Auen.
    »Aber böser Mensch, was treiben Sie? Kommen Sie doch wieder einmal zu uns
und machen Sie meiner Frau ein wenig die Kur! Bitte, ja, kommen Sie! Sie müssen
Leapoldine wieder tüchtig moralisieren; kein Mensch kann's so gut wie Sie. Tun
Sie ihr und mir den Gefallen!«
    Und der Baron tat beiden den Gefallen.
    Und Rassler war über die Massen vergnügt.
    Als es aber später Sticheleien hagelte, wo sich die Glatze des
Kommerzienrats nur blicken ließ, und anonyme Schmäh- und Drohbriefe ins Haus
schneiten, da verging ihm oft der Spaß.
    »Erbärmlich,« klagte er, »dass man keine Ruhe haben und nicht einmal im
eigenen Hause nach seiner Façon selig werden kann!«
    Frau Leopoldine selbst war, allen diesen Zwischenfällen zum Trotz, offenbar
heiterer und entgegenkommender gegen ihren Gatten geworden, namentlich in jener
Zeit, wo die Besuche und Aufmerksamkeiten des Barons ihren Höhenpunkt erreicht
hatten. Ein besonders gutes Zeichen sah der Kommerzienrat darin, dass sie öfter
als früher seine Geldbörse direkt ansprach zur Gewährung größerer Summen für
Unterstützungszwecke. Rassler frohlockte, gewährte sie und begehrte nichts
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