 Diensten des musikliebendsten Monarchen
stehen? - und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhytmischen Plastik eines auf
zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes. Unsinn! Als ob Sie sich in Ihrem
ganzen Leben so etwas undefinirbar Schönes vorstellen könnten!)
    Und der besprochene, als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den
Pflasterstein vor dem Bäckerladen gemeisselte Phallus versetzte uns mit einem
Schlag mitten in das blühende Reich römisch-griechischer Archäologie.
    Wir bogen in die nächste Gasse ein, wohin uns die enorm lange Nasenspitze
des Aufsehers als Wegweiser - verführte. Es war nämlich, wie sich bald
herausstellte, eine sogenannte verrufene Gasse.
    (In Parentese: falls Ihre Müdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlasst,
hier die Lektüre abzubrechen, so bitte ich Sie, die folgenden Blätter ins Feuer
zu werfen, damit nicht einer der unschuldsvollen Jünglinge, die in Ihrer
Arbeitszelle, genannt »Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur«,
studierenswegen verkehren, Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme.
Ich habe vorgebaut - die Verantwortung fällt auf Ihr sündiges Haupt, wenn diese
Blätter Unheil stiften.)
    Eine sogenannte verrufene Gasse. In der heiter vorsorglichen Venusstadt
Pompeji nichts Auffallendes. Nicht einmal in München, das den h. Benno zum
Schutzpatron hat.
    (Neue Parentese: Sie kennen doch gewiss auch die historische Antwort, die
König Ludwig I. auf das Gesuch gab, in der guten und braven Stadt München ein
neues - Bedürfnishaus zu errichten? Man baue, meinte der königliche Pessimist,
über die ganze Stadt ein Dach, denn sie sei ja doch schon ein einziges großes
... und so weiter.)
    Pompeji war in diesem Punkt so weit voran wie unser Isaraten und doch
zugleich viel sittlicher. Obgleich hier zu Lande die Feigenblätter wild wachsen,
während sie in unserem nordischen Moralklima aus Blech und anderen spottbilligen
Redensarten fabriziert werden, so verschmähten es die ehrlichen Alten doch, die
wahre Natur auf so lächerliche Weise zu maskieren und durch ein vorgeklebtes
Feigenblatt die Frage herauszufordern: Was steckt dahinter? Und während wir mit
Feigenblättern und andern Tugendmaskenzeichen herumlaufen, als wäre unser
Kulturleben nur ein unaufhörlicher Karneval, erhebt unser Staat ganz ernstaft
eine Steuer von der gewerbsmässigen Lasterübung und unsere staatlich bestellten
Statistiker fisteln: Schöne Maske, ich kenne dich - und halten uns die Tabellen
mit der genauen Berechnung des riesigen Prozentsatzes der unehelichen Kinder
u.s.w. unter die hochgetragene Tugendnase. Die organisierte Lebenslüge!
    Ah, mein verehrter Doktor Trostberg, in unserem Pessimistenstil werden wir
nicht vergessen dürfen, aus dem Feigenblatt und der Faschingsnase und den
statistischen Tabellen bedeutsame dekorative Motive zu formen ...
    Wunderbar, wie trotzdem dem Reinen alles rein bleibt: meinem kleinen,
genialen Kameraden ist es keinen Augenblick eingefallen, die Schritte zu zögern
oder sonst das angelernte,
