 wohl,
allein es fehlt der Glaube. Je nun, einstweilen muss uns auch dieses - Wurst
sein.
    Erinnern Sie sich, mein verehrter Doktor Trostberg, wie unser großer
einsamer König dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den
hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte?
Drüben auf der bewaldeten, sagenumflüsterten, eichen- und tannenumrauschten
Uferhöhe gegen Bogenhausen? Wie er die nüchterne Liebigstrasse zur monumentalen
Kunstfeststrasse umschaffen und in mächtigem Zuge von der Gartenseite des
Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen, mittelst einer neuen Brücke über
die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des
hehren Festspieltempels führen wollte? Und die deutschen Völker versammeln sich
hier, die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen, in längeren
Zwischenräumen, begeisterten Herzens, aller Gemeinheiten und Sorgen des
politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen, rein gebadet an Geist
und Gemüt im Äther der großen vaterländischen Kunst ... Sehen Sie, wie sie in
Scharen daherziehen, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, festlich
gehobenen, elastischen Schrittes, beredten Mundes und glänzenden Auges, wie sie
an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die
Herrlichkeit der Landschaft bewundern, und aus der blauen Ferne grüßen die
schneeigen Häupter der ewigen Alpen herein, und die Isar rauscht jubelnd herauf,
und wie Nibelungenluft saust's durch die Wipfel der Eichen und Tannen, und im
Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Türmen und Giebeln ...
Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt
versinkt, die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst, die
herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tönen in das Dunkel, und
in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Götter und Väter, zum
erhabenen Bilde verklärt, an unserem Blicke vorüber ...
    Ein Traum, ein Traum! O, es wäre mehr gewesen. Der Nibelungenring Wagners
mit seiner grandiosen Symbolik hätte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an
dieser Stätte gewirkt. Hier hätte man das wunderreiche Zeitgedicht des
Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt, was weder in
dem fränkischen Dorf Bayreut, noch in den Prunksälen unserer Opernspass-Häuser
jemals vollständig gelingen wird: Die Jagd nach dem Ring, d.h. dem Goldreif,
welcher der Welt Erbe verleiht, als das tragische Verhängnis unserer Zeit, der
Kapitalismus in seiner Götter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier,
die Welterrschaft des Goldes - welch' ein dämonisches Kampfmotiv, in das sich
Himmel und Erde teilen, und welch' eine Katastrophe! Ich weiß nicht mit
deutlichen Worten zu sagen warum, aber ich habe die Empfindung, dass diese
Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt hätte entfalten
müssen. Und hat
