 schärfsten
geisselt, ist bekanntlich sehr angenehm verheiratet und glücklicher
Familienvater. Von Schopenhauer gar nicht zu reden, der nach zuverlässigem
Zeugnis besonders während seines italienischen Aufenthalts den Wonnekelch der
Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter
vorzüglich zu speisen und zu verdauen pflegte. Dieser Pessimismus hat mir immer
imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewöhnliche Seelengrösse
voraus, denn es ist fürwahr kein kleines Stück, Lebensteorie und Lebenspraxis
so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien
dahinzuspazieren, ohne Schwindel zu bekommen. Die oben zitierte kleine Malerin
in Temperafarben, ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Köpfchen,
hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerückt (sie rückt in ihrer
famosen Originalität überhaupt alles in ein anderes Licht, auch in der Malerei,
wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist); sie sagte nämlich, der
Pessimismus ähnle darin den fideleren Religionen, dass auch seine Bekenner sich
in Schafe und Böcke, in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ...
    Also!
    Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur Schaffung eines
architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer
ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft, uns der pessimistischen
Weltanschauung geneigter zu machen. Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute, als
wenn ich die neuesten Baudenkmäler unserer guten Kunststadt München betrachtet
habe - z.B. die Gebäude der Maximiliansstrasse. Und erst was da unten an der Isar
herumgebaut worden ist! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Grässlicheres, als
Weltschmerz, ich bekam Bauchschmerz!
    Fürchten Sie nicht, mein verehrter Doktor Trostberg, dass ich aus Rache für
die erlittenen scheußlichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe: Stellen Sie sich
auf die Maximiliansbrücke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in
die Bauwunder des sogenannten Isaratens hinein - da haben Sie eine Ahnung Ihres
Pessimistenstils! Was man da an der schönen, wilden, naturwüchsigen Isar an
Münchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhält, mag an Alles in der Welt
erinnern, nur nicht an den kraftvoll eigenartigen, harmonischen Schöpfergeist
Atens. Und darum glaube ich, dass wenn für München je einmal die Bezeichnung
Kunststadt und Isaraten eine segensvolle Wahrheit werden und eine Blütenepoche
eigenen, kraftvoll überströmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schönen im
umfassendsten und höchsten Sinne bedeuten sollte, die entscheidenden Taten
ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden. Im Smaragd der Isar werden sich
die Siegeswerke spiegeln, und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen
Münchener Kunst verkündigen. Was heute von den unerhörten Sehenswürdigkeiten der
Kunstleistungen in der königslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder
Viermaniens gerauscht wird, das stammt meistens von jenen geistig dürren
Blättern, die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame
arbeiten. Das verblüfft, aber überzeugt nicht. Die Botschaft hört man
