 Kleider, um uns vor der Unbill der mörderischen Natur zu schützen;
die Architekten sind auch keine philosophischen Köpfe, sondern höchstens
Rechnungsmaschinen, ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im
Tierreich zahlreiche, zum Teil unerreichte Muster u.s.w.
    Bleibt uns also vorerst nichts anderes übrig, mein verehrter Doktor
Trostberg, als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der
Ausbreitung und Kräftigung der pessimistischen Idee zu erhoffen. Haben wir erst
glücklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk, wie wir ein
biertrinkendes, handeltreibendes, kriegführendes, gottverehrendes Volk haben,
dann wird neben dem Kneipenstil. Bahnhofstil, Festungs- und Kasernenstil,
Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil
erstehen. Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar
fließen, bis wir jene Erhitzung der Köpfe und Herzen herbeiführen, welche die
Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflösenden Fluss bringt und mit
dem neu erblühenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in
die Erscheinung tritt; allein Hoffnung lässt nicht zu Schanden werden. Dass der
Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist, die dereinst bauliche
Verwertung finden können, beweisen ja einstweilen die philosophischen
Lehrgebäude, die in. den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und
Hartmannianer auftauchen. Ich selbst habe zwar - zu meiner Schande muss ich's
gestehen, auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersäule in Ihrer Achtung sinken
sollte - diese schriftlichen Lehrgebäude noch nicht in der Nähe
beaugenscheinigt, ich habe mich bescheidentlich begnügt, sie wie ferne
Nebelformen nach dem Hörensagen anzustaunen; allein ich habe hier eine kleine
geniale Person bei mir, eine Malerin in Temperafarben, die sich sehr gründlich
im Schrifttum der Philosophen umgetan zu haben scheint, und sie ist es, die mir
neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer
strengerer und laxerer Observanz erzählt hat. Für meinen eigenen philosophischen
Hausbedarf bin ich immer noch ganz anständig mit dem kleinen witzigen
Gedankenvorrat ausgekommen, den mir die »Lichtstrahlen aus Schopenhauers
Werken«, das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns
»Philosophie des Unbewussten« und der belehrende Umgang, dessen ich mich einst
mit Ihnen zu erfreuen hatte, in angenehmster Weise lieferten. Zufällig bekam ich
neulich ein Bändchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand, der da
drüben am Vesuv herumpessimistiert haben soll. Die Gedichte sind sehr schön.
Doch war ich sehr enttäuscht, als mir versichert wurde, Leopardi sei wirklich
ein genialer Schmerzenreich, ein unheilbar leidender und tief unglücklicher
Mensch gewesen. Er soll auch sehr jung gestorben sein. Meine seiterigen
Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet, dass der Pessimismus seine
Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergnügtes Alter erleben lasse.
Eduard v. Hartmann, der die Niederträchtigkeiten der Liebe und Ehe am
