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von der Wirkung dieses interessanten Gesetzes verspürt. Oder sollte mein Körper
alle intimere Anziehungskraft verloren haben? Sollten keine geheime Kräfte mit
siegender Allgewalt sich Bahn brechen zu der entfernten Ersehnten, dass sie dem
Zwange der Natur sich füge? Und heute ist Josephitag!
    Wie ganz anders haben wir gewirkt in unserer Jugendjahre Maienblüte, guter
Max! Neulich, in einer schlaflosen Nacht, habe ich die Flammen rekapituliert,
die ich einst als studentischer Schmetterling umgaukelte.
    
    Wieder ein Beweis, was ich für eine treue Seele: ich habe im Stillen den
Lebenslauf dieser unschuldigen Kinder verfolgt. Die Beobachtung ergab seltsame
Resultate. Die dicke, runde Klara, die Bräumeisters-Tochter, ist mit einem
Kassier verduftet; Seraphine aus der Sendlingergasse hat ihr Herz an einen
Pfaffen gehängt und hat sich aus mystischen Gewissensskrupeln in der Isar
ertränkt; die sentimentale Amalie der Professorswittwe Streuhuber ist eine
tüchtige Geschäftsfrau geworden und verkauft Hosen an die Landshuter Garnison;
Fanni Kranzler vom Rochusberg hat sich dem Trunk ergeben und ist im Irrenhause
gestorben; die rabiate Bella ist zuerst Komödiantin und dann eine resolute
Pensionatsmutter geworden. Was für Lebenswendungen!
    Und unsere Jugendeseleien! Noch nicht hinter den Ohren trocken, wollten wir
berühmt werden und die Augen von ganz Europa - oder wenigstens von unserm
Stadtviertel auf uns lenken. Berühmt werden! Jeden Morgen war die erste Frage:
wie fangen wir's an? Und dabei erreichten wir zunächst, dass wir beim Examen mit
Pauken und Trompeten durchfielen. Dann wiederum: sollen wir fünfaktige Dramen
schreiben, um schneller ans Ziel zu kommen, wenigstens öffentlich ausgepfiffen
zu werden, oder eine neue Religion oder ein neues Schiesspulver erfinden, um der
Menschheit ein ungeahntes Heil zu bringen? Mit unserer Sehnsucht nach der
Heilandschaft verband sich nur ganz selten die sehr praktische Erwägung:
Berühmteit bringt Moneten, jene Berühmteit, welche von den Kindern einer
materialistischen Zeit als die überhaupt allein erstrebenswerte betrachtet wird.
Unser Sinn ging zunächst immer, dieses Lob dürfen wir uns nicht versagen, auf
etwas Schönes ohne Hinterlist, etwas Reinliches ... Zum Teufel auch, hätten wir
doch wenigstens Richard Brands Schweizer-Pillen erfunden!
    Da fällt mir eben etwas sehr Menschliches ein: wenn Fräulein Flora Kuglmeier
krank geworden wäre? Wir haben gestern bei einem Ausfluge eine Menge Zeug
durcheinander gegessen: Orangen, Makkaroni, Salat, Würste, Feigen ...
    Ich werde mich ankleiden und im Gasthofe nach ihr sehen. Sie wohnt da unten,
dem Meere zu, in einem Kranze blütenreicher, duftiger Gärten, Rione Principe
Umberto. Ich bin ganz gerührt, wenn ich mir das liebe Kind leidend denke, im
Bett vergraben, mit der Kolik, der Ruhr oder sonst einer wüsten Krankheit
ringend; das Gesichtchen bleich, verzagt, von einem weißen Häubchen umrahmt;
