
füllende symphonische Tondichtungen geschaffen. Dazu bedarf ich eines fein
ausgeführten, poetischen Programmes. Es handelt sich um Programm-Musik,
verstehen Sie, für großes Orchester.«
    »Ich verstehe, Herr Friedberg. Darstellung bestimmter poetischer Stoffe
durch Instrumentalmusik, wie die poetisierenden Symphonieen von Liszt, Berlioz,
Raff, Romantik mit Pauken und Trompeten und so weiter ...«
    »Sie kommen mir wunderbar entgegen, Herr Doktor. Ich gehe aber weiter, als
die Genannten, ich erweitere den Gedanken- und Gefühlsinhalt der Programm-Musik
in neuen, eigenartigen Formen.«
    »Bitte, gehen Sie lieber nicht weiter! Ich ahne alles, was kommt - und
verwerfe alles.«
    Friedberg, die Zigarrette aus dem Munde nehmend, mit überlegenem Lächeln:
»Wie vermögen Sie das?«
    »Rund heraus: ich betrachte die ganze moderne Instrumentalmusik als einen
kolossalen künstlerischen Irrtum; ich negiere alle von Sebastian Bach bis auf
Wagner und Brahms komponierte programmatische Musik grundsätzlich. Für mich ist
Bach nicht weniger auf dem Holzweg, als Wagner; Mozart und Beethoven nicht
weniger, als Liszt und Brahms. Nur durch die im Verlaufe der Zeit und der
Gewöhnung geschaffene Verderbnis des Gehörs sind wir überhaupt im stande,
moderne Instrumentalmusik zu ertragen. All' unsere Begriffe von Wohlklang und
Übelklang, von melodisch und unmelodisch, von harmonisch und disharmonisch sind
das Ergebnis einer grundfalschen musikalischen Erziehung. Späteren,
natürlicheren Zeiten und Bildungszuständen wird es ganz unerklärlich bleiben,
wie unsere so viel gepriesene Zivilisation diese unsinnige Instrumentalmusik so
hoch und wichtig nehmen konnte. Ich finde sie widernatürlich, scheusslich. Was
gibt uns denn diese Instrumentalmusik, die von einem siebzig bis hundert Mann
starken Orchester in unsere armen Ohren geschmettert, gepfiffen, gestrichen,
getrommelt und gepaukt wird, an gegenständlichen Klangfiguren und
Klangzeichnungen? Nicht so viel als uns zum Beispiel in der Malerei Tapeten- und
Kleidermuster geben. Erwecken denn diese Striche, Linien, Punkte, Tupfen in
allen erdenklichen kaleidoskopischen Durcheinanderschüttelungen, die alles
malerischen Sinnes und Verstandes entbehren, erhabene Gefühle und Stimmungen in
uns? Das wird niemand zu behaupten wagen. Aber in unserer musiktollen Welt gibt
es sogar geistreiche Leute, die sich nicht genieren, die musikalischen Striche,
Linien, Punkte und Tupfen, die vom Orchester rhytmisch und harmonisch
durcheinander gemischt werden, erhaben und entzückend zu finden. Wenn ich aber
durch musikalisches Geräusch mich erheben und entzücken lassen will auf dem Wege
sinnlich-sinnloser Klangeinwirkungen, so bedarf ich dazu gar keines
Kunstapparates, keines kostspieligen Orchesters; dazu reicht das musikalische
Geräusch der Natur aus. Ja, ich finde, die einfache Natur wirkt noch viel tiefer
und mächtiger. Oder welche Instrumentalmusik reicht denn an die rührenden,
beseligenden, erschreckenden Wirkungen heran, welche auf unser Gemüt das
Rauschen des Waldes
