 Wiederholt ist er seiner Kleidung und seiner
Lebensweise wegen vor die Schranken des Gerichts zitiert und des öffentlichen
Unfugs angeklagt worden. Natürlich! Wo er sich blicken ließ, in unserer
gebenedeiten Biermetropole und Kunststadt, lief ihm der Pöbel nach, und die
Ansammlung der Maulaffen hätte Verkehrsstörungen und Unglücksfälle verursachen
können. Welch' ein Malheur, wenn einige Troddeln unter die Räder gekommen wären!
Aber die Troddeln müssen geschützt werden, selbstverständlich. Die
vereinsmässigen laxen Vegetarianer hassen ihn wegen seiner Strenge und
unbeugsamen Konsequenz; die parteimässigen, ihren Mantel nach dem Winde hängenden
Politiker und Volksbeglücker verlachen und verachten ihn wegen seiner reinen
Unabhängigkeit und Selbsttreue; die große Herde der Gaffer und zeitgemäss
gebildeten Philister verspottet ihn als einen Dummkopf aus Prinzip; die
fanatischen Frömmler verfolgen ihn ... Man kann sich das brutale Verhalten der
Allgemeinheit solchen Ausnahmemenschen gegenüber sehr gut erklären. Schopenhauer
hat stets darauf aufmerksam gemacht, dass die sogenannte gute Gesellschaft
Vorzüge aller Art gelten lässt, nur nicht die geistigen und reinmenschlichen. Und
das geht hinauf und hinab durch alle Schichten der konventionellen Bildungswelt.
Wie wird beispielsweise unser König seiner geistigen und menschlichen
Eigenheiten wegen angefochten - natürlich nur versteckt, insgeheim, denn seine
königliche Würde gewährt ihm einen Schutz, dessen sich andere Sterbliche nicht
erfreuen. Er ist in dieser Welt des herrschenden Militarismus kein Kriegsfürst,
kein Stechschrittfex; er ist inmitten einer den sogenannten ritterlichen
Passionen der Jagd und des Sports huldigenden Aristokratie nicht nur kein
Liebhaber dieser grausamen Vergnügungen, sondern deren erklärter Feind: er ist
bis zu einem gewissen Grade ein geistig überlegener Gegner unserer herrschenden
Kunstzustände und schafft sich auf dem Gebiete des Schönen sein eigenes
Phantasiereich. Das alles verletzt die anderen, die jeder Torheit, Narrheit,
Verkehrtheit und Stumpfheit grenzenlose Geduld und liebevolle Nachsicht
erweisen, sofern sie in den überlieferten Kram passen, die aber durchaus nicht
zugeben wollen, dass wir eigenartig wir selbst seien, wie es unserer
individuellen Natur angemessen ist. Wir sollen mit diesen anderen im Einklange
leben, wir sollen einschrumpfen, uns umgestalten, d.h. uns verunstalten. Welch'
eine barbarische Tyrannei! Einem König ist nicht beizukommen. Aber dem Maler
Effenbach war beizukommen. Wie hat man ihn gemartert! ...«
    Im Verlaufe dieser Erzählung hatte sich Schlichting leise dem Sprecher
genähert.
    »Ich glaube den Mann zu kennen, Herr Doktor, Ein sonderbarer Zufall ... ich
glaube wenigstens ...«
    »Hat es nicht geklingelt?«
    Doktor Trostberg erhob sich, tief aufatmend von der langen Rede.
    »Wir müssen leider abbrechen. Ich erwarte Besuch. Aber noch das: dieser
Effenbach ist es wert, von Ihnen gründlich nach der Natur studiert zu werden.
Ein Mensch, der noch niemand beleidigt hat, der in stiller Zurückgezogenheit
seiner Liebe zur
