 liegt die Kunst, auch für den
Impressions-Novellisten. Wie lange sind Sie in München, Herr Schlichting? Zwei,
drei, Jahre, nicht wahr? Also werden Sie den Mann nicht vom Sehen kennen, kaum
vom Hörensagen. Ja, doch, ich selbst habe Ihnen neulich andeutungsweise von ihm
gesagt, dass ihn der Pressbandit hin und wieder durch seine Kloake schleife.
Richtig. Es geht mir so viel durch den Kopf. Die Verhöhnung in dem Sudelblatt
ist jetzt vielleicht in München noch die einzige Erinnerung an ihn. Effenbach
ist ein Verschollener. Er hat sich vor ein paar Jahren müde, abgehetzt, krank
vom hauptstädtischen Schauplatz in seinen Steinbruch zurückgezogen, wie ein
todwundes Wild, das im Wald einen Unterschlupf zum Verenden sucht. Vielleicht
haben Sie meine Andeutung überhört. Wie's heute um den Maler Effenbach steht,
weiß ich selber nicht. Welch' ein unzeitgemässer Mensch! Stellen Sie sich vor: er
lebt im Lande des berühmtesten Bieres - und trinkt nur frisches Wasser; er lebt
in der Stadt der saftigsten Braten und Kalbshaxen - und begnügt sich mit der
schmalen Pflanzenkost des strengsten Vegetarianers; er lebt in der
Kunstmetropole, wo die vertraktesten Modebilder in den Straßen herumlaufen und
die Künstler in ihrer Tracht sich der sterilsten und geschmacklosesten
Schneiderphantasie unterwerfen, um vor dem herrschenden Philister- und Geckentum
nicht aufzufallen - und er kleidet sich in ein schlichtes wollenes Kuttengewand
wie ein Mönch; alle Welt verbummelt die heiligen Sonntage so sündhaft und
vergnügt wie möglich - und er sammelt seine Gedanken bei den Verachteten und
Verlassenen und hält Vorträge über die Quellen des menschlichen Elends; alle
Welt liegt auf den Knieen vor dem goldenen Kalb und kankaniert den Narrentanz
nach Lust, Reichtum, Ehre - er steht hoch aufgerichtet da in seiner Armut und
apostolischen Reinheit, beschäftigt sich mit dem Leid der andern und erstrebt
nichts, als dass man ihn unbehelligt seinen uneigennützigen Beruf als
Menschheitsfreund erfüllen lasse. Heilandhaftigkeit eines Neu-Nazareners im
Lande der alleinseligmachenden Masskrüge! Wo sogar die himmelragenden Türme der
Metropolitankirche zu Unsrer lieben Frau die Form von Riesenmasskrügen haben.
Erlösung dem Erlöser! Die andern besorgen sich ihre Erlösung auf ihre Weise.
Durch die Jahrhunderte spottet's vom Jordan zur Isar herüber: Wenn du ein Gott
bist, so hilf dir selbst und steig' herab vom Kreuze! Und Effenbach schleppt
seinen Kreuzbalken ... dabei arbeitet er im Stillen rastlos an der
Vervollkommnung seiner Kunst, denn er ist ein genial veranlagter Maler, und
verschmäht es, sich mit seinen Studien der Öffentlichkeit aufzudrängen. Seine
Kunstgenossen sehen ihn über die Achsel an. Welch' ein unzeitgemässer Mensch,
nicht wahr? Nein, mehr als das: ein Phantast, ein Narr, ein Unfugtreiber, ein
polizeiwidriges Subjekt! Ja, ja.
