 und Olympia an der Hand des Onkels dem Leben und Sein der
alten Welt nachgespürt, aber vom modernen Leben weißt du blutwenig. Mit dem
eigenen Selbstgefühl wird jetzt keiner fertig, der etwas gelten will, dazu
gehört auch etwas Sonnenschein, der aus den höchsten Kreisen kommt.« Er zuckte
die Achseln.
    »Das ist mir freilich unverständlich,« sagte sie, und das Blut stieg ihr in
das Gesicht. »Aber ich weiß doch mehr vom modernen Leben, als du denkst, Papa.
Der Onkel in Berlin duldet nichts Zweifelhaftes, im Dunkeln Kriechendes in
seinem Hause; da kommen nur helle Köpfe zusammen, und es wird frisch und frei
vom Herzen weg gesprochen. Sieh, und da sagte kürzlich einer: Ach ja, sie nennen
es den Klassenhass schüren, wenn wir uns unserer Haut wehren und gegen die
drohende Niederdrückung kämpfen! Meine Seele ist rein von Hass - mögen jene doch
steigen, so hoch sie wollen, ich sehe neidlos zu, sie müssen sich nur nicht
dabei auf unsere Leiber stellen wollen. Aber das ist's eben, mit ihrem Steigen
wachsen ihnen Kraft und Lust, uns niederzutreten. Allein selbst darum hasse ich
nicht; ich trage der Vergangenheit Rechnung. Die Abneigung, dem Bürgertum
Vorschub zu leisten, oder vielmehr das Streben, es nicht stark werden zu lassen,
liegt ihnen traditionsgemäss im Blute. Dagegen fühle ich Grimm, unbezwinglichen
Grimm gegen die feilen Fahnenflüchtigen aus unseren Reihen, die liebedienerisch
und um des persönlichen Vorteils willen das eigene Fleisch und Blut bekämpfen
und um so fanatischer wüten, als sie sich sagen müssen, dass sie der
Ehrlichgebliebene verachtet. So sagte Doktor -«
    »Auch nur einer, dem die Trauben zu sauer sind,« fiel der Kommerzienrat mit
lächelndem Hohn ein; »eine Motte, die sich die Flügel nicht verbrennen konnte,
einfach, weil sie dem Licht noch nicht nahe kommen durfte! Der schwenkt auch
noch einmal, meine liebe Grete! Wir sind eben Kinder unserer Zeit und keine
Spartaner... Und wenn es zehnmal nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, und
wenn die Speichelleckerei in gröbster, abstossendster Weise zu Tage liegt, die
Welt bewundert trotz alledem das dekorierte Knopfloch und nennt den Liebediener
ehrfurchtsvoll bei dem neuen Titel, den er sich erschlichen hat... Zu jenen
Servilen gehöre ich nun allerdings nicht - ich will nichts haben, und zu
schwenken brauchte ich auch nie, denn ich habe niemals den Beruf in mir gefühlt,
mich wie ein Gladiator dem Herkömmlichen entgegenzustellen und mit
volksbeglückenden Tiraden mich lächerlich zu machen. Das ist Verstandessache;
die unbezwingliche Scheu aber, das unwillkürliche Beugen vor dem, was man in
jenen hohen Regionen sagt und urteilt, liegt mir im Blute. Es ist stärker
