 fremdem Terrain festzuhalten.
    Sie schüttelte abermals missbilligend den Kopf. »Diese Ausdrücke würde ich
mir selbst nie gestatten - der Glanz und die Auszeichnung hoher Geburt versöhnen
und verschönen. Übrigens ist ja dabei wie gesagt ein himmelweiter Unterschied;
den Herzog band kein Versprechen; er war frei und vollkommen berechtigt, eine
neue Ehe zu schließen.«
    Damit lehnte sie sich wieder in ihren Stuhl zurück, schob die Spitzenbarben
ihrer Haube mit einer sanft gelassenen Bewegung aus dem Gesicht und faltete im
Schoss die Hände, auf die sie gedankenvoll niedersah. »Du kannst derartige
Dilemmas überhaupt nicht beurteilen, lieber Balduin. Fanny war deine erste und
einzige Liebe, und wir gaben dir mit Freuden unsere Tochter. Und als du dich mit
ihr verlobtest, da weinten deine Eltern Freudentränen und nannten dich ihren
Stolz, weil sich die Neigung deines Herzens nach oben und nie und nimmer in
unglückseliger Jugendverirrung abwärts gerichtet habe« - mit einem tiefen
Seufzer unterbrach sie sich und blickte bekümmert vor sich hin. »Gott weiß am
besten, welch sorgsam behütende, pflichtgetreue Mutter ich zu allen Zeiten
gewesen bin, gewiss nicht weniger, als deine Eltern: und doch muss es mir
passieren, dass mein Sohn auf Abwege gerät - Herbert macht mir in der letzten
Zeit unbeschreiblichen Ärger!«
    »Wie, der Mustersohn, Mama?« rief Herr Lamprecht. Er war während der langen
Rede seiner Schwiegermutter auf und ab geschritten, den Kopf vorgeneigt und in
mechanischem Tempo auf die regelmäßig verstreuten Rosenbouketts im Teppichmuster
tretend. Jetzt blieb er an der entgegengesetzten Wand des Zimmers stehen und sah
spöttisch fragend über die Schulter zurück.
    »Hm!« räusperte sich die Frau Amtsrätin und reckte ihr Figürchen ziemlich
gereizt empor. »Das ist er ja wohl in vieler Beziehung auch noch. Er hat ein
großes Ziel -«
    »Ei ja, wie ich schon vorhin unten im Hofe sagte. Er wird einmal steigen und
steigen, bis er mit seinen Fusstritten alle anderen Streber unter sich hat und
nichts mehr über sich weiß, als den Allerhöchsten im Staate.«
    »Tadelst du das?«
    »Ei bewahre, gewiss nicht, sofern er wirklich das Zeug dazu hat. Aber wie
viele werfen jetzt ihre wahren Überzeugungen von sich, heucheln und schmeicheln
und hängen sich der Macht an den Rockschoss, um aus bedientenhaften
Speichelleckern mit mittelmäßigen Köpfen einflussreiche Männer zu werden!«
    »Du brandmarkst ja förmlich die treueste Hingebung und Selbstverleugnung!«
zürnte die alte Dame. »Aber ich frage dich, würdest denn du den Frevelmut, die
Dreistigkeit haben, einer höheren Orts gegebenen Richtung entgegenzutreten? -
Ich weiß doch recht gut, dass niemand lieber einer Einladung in die ersten Kreise
folgt, als du, und kann mich nicht erinnern, je einen
