 hören. Sie blieb stehen, lauschte, es
ließ sich nichts vernehmen; so setzte sie denn ihren Weg fort. Sie war bange,
und da macht man sich eben leicht Einbildungen.
    Sie hatte es nicht gesehen, dass die Kleebinderin eine Weile nach ihr paar
Schritte vor das Haus gelaufen und gleich eilig dahin zurückgekehrt war.
    Durch die kühle, klare Luft des darauffolgenden Morgens gellten die Klänge
des Zügenglöckchens, und als am Abende Sepherl mit langsamen Schritten und
gesenkten Kopfes der vorletzten Hütte am unteren Ende des Dorfes zuschritt, galt
ihr Besuch einem toten Manne.
    Wieder über einen Tag, da begruben sie ihn.
    Als die Leidtragenden und die Geleitgebenden sich entfernt hatten, machte
sich der alte Veit, der Totengräber, sofort daran, das Grab zuzuschaufeln; seine
blinzelnden Äuglein und die breit zusammengekniffenen Lippen gaben ihm das
Aussehen, als empfände er dabei ein stilles Behagen, und das war auch der Fall;
sooft er »so 'n Sakra« oder »a Sakrin« in der Grube hatte, erfreute ihn der
Gedanke, dass nicht er es sei, der da drunten läge.
    Erst polterte Scholle um Scholle auf den Sarg, bald aber fiel die Erde
geräuschlos und umhüllte locker und weich den Menschen, der da, aller Lust und
Leiden wett, in ihr gebettet lag. Mit der Qual eines anderen Wesens beginnt
eines jeden Dasein, und dann geht es so weiter mit dem Quälen oder
Gequältwerden, wie sich's eben trifft. Wer mehr Qualen bereitet als erleidet,
den nennt man glücklich, und wem es seine Mittel erlauben, das erstere in großem
Maßstabe zu tun, der heißt wohl auch groß.
    Der ehrliche Herrgottlmacher hatte sich all sein leblang nur auf einem ganz
winzigen Fleckchen Erde herumgetummelt - frohe Kindertage verlebt, jene Zeit,
von der es heißt, der Mensch gehöre noch nicht sich selbst an, sondern anderen,
und wo er doch so ganz er selbst und frei ist, wie nie hernach mehr im Leben -
träumerische Bubenjahr, wo einer die Welt in den Sack steckt und sie höchstens
unter seinen besten Freunden aufteilt, freilich nur jeder seine Welt, und die
manches ist gar klein geraten - auch die Mannjahr hätten sich nicht übel
angelassen, die schon mehr auf andere Bedacht nehmen und wo seiner Mutter Freud
ein groß Teil der seinen war - da mit einmal war es aus.
    Das Käferchen, das im warmen Sonnenschein über den rieselnden Sand
dahingelaufen, vor dem sprühenden Regen sich unter duftigem Laubwerk verkrochen,
mit seinesgleichen sich geneckt und gezerrt hatte, krampfte plötzlich die Füße
zusammen und fiel vom halb erkletterten Halme zur Erde.
    Nun liegt er taub, hohl, ein Gehäuse, eine leere Hülse; und nichts verrät
von all dem Sonnenschein, der ihn
