 ja den sichtbaren Beweis davon erhalten. Das
muss anders werden«, setzte er nach einer Pause peinlichen Nachsinnens hinzu.
»Morgen verschreib ich mich dem Teufel. Ich tu es nur deshalb heute noch nicht,
weil eine kindische Hoffnung auf ein Wunder sich in mir festgenistet hat ...«
    »Vielleicht braucht's kein Wunder«, unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit
einer seltsamen Hast. »Leben Sie wohl.«
    »Wie gern möchte ich Sie zurückhalten, aber da«, er deutete auf die
Schriften, die seinen Schreibtisch bedeckten, »da ist Gesellschaft, die jede
andere verdrängt.«
    Sie hörte ihn kaum, sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der Gedanke,
der war das Wunder - ein anderes gab es nicht.
    Eine Möglichkeit war ihr erschienen - eine Möglichkeit ... Alles, was man
unfassbar und widersinnig nennt, wäre Lotti noch vor einer Stunde als
selbstverständlich erschienen im Vergleich zu dieser Möglichkeit.
 
                                       12
Lotti ging heim, und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing,
atmete sie befreit auf. Sie trat rasch in ihr kühles, von einer Hängelampe
freundlich erleuchtetes Stübchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu. Eine
Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch:
»Nein, nein, das könnt ich doch nicht, das nicht.«
    Agnes trug das Abendessen auf und erzählte, dass Gottfried dagewesen sei und
sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe. Er hatte etwas
mitgebracht, ein Buch, ein neues, noch unaufgeschnittenes Buch - Halwigs letztes
Werk.
    Mit einer Empfindung des Missmuts nahm es Lotti in Empfang.
    Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles, was sich
auf ihn bezog, entschlagen. Warum musste sie von neuem an ihn gemahnt werden?
Warum musste sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und
Peinlichkeit zurückgeleiten, aus dem sie sich eben erst, mühsam genug,
losgemacht?
    Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers, doch holte sie es
von dort wieder, aus Rücksicht auf Gottfried. Sie wollte ihm wenigstens sagen
können, dass sie versucht, darin zu lesen. Sie tat es mit widerstrebendem Gefühl,
aber mit stets wachsender Spannung. Sie war gefesselt, umstrickt, aber mit
beengenden, mit unlauteren Banden. Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen.
    Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser
Genauigkeit auseinandergesetzt. Da war eine erzwungene, erlogene Sinnlichkeit,
aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste. Da war die
Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens
geschöpft, da fehlte alle höchste Wahrheit, die der Poesie. Da war endlich der
Notbehelf, der
