 Aspekte und Phasen
des Mondes und behaupteten, den Stand der Sonne nachweisen zu können. Sie
wandten den Himmelszeichen ihre Aufmerksamkeit zu, wussten Auskunft zu geben über
die Sternzeit und nahmen Notiz vom türkischen Kalender ...
    Wahrhaftig, die braven Männer, denen sie ihre Entstehung verdankten, hatten
sich Schweres vorgesetzt - und mit wie geringen Mitteln gedachten sie es zu
erreichen! Mit Spindelechappements - mit Löffelunruhen, deren kläglich
humpelnder Gang von einer Schweinsborste reguliert wurde! Sie verfertigten alle
Räder aus Eisen, und von einer Schnecke war ihnen nicht einmal die Ahnung
aufgekommen.
    Aber - so ärmlich ihre Kunst, so reich war ihr Vertrauen. Sie wussten - das
heißt, sie glaubten, und weil sie glaubten, wussten sie -, dass Schwäche zur
Stärke erwachsen kann, wenn nur der rechte Segen auf ihr ruht. Kühn und demütig
zugleich riefen sie die Hilfe desjenigen herbei, dem nichts unmöglich ist, und
stellten die Werke ihres Fleißes unter seinen allmächtigen Schutz, empfahlen sie
auch wohl der Fürsprache der Mutter Gottes oder eines vornehmen Heiligen. Einer
der alten Meister hatte in den Boden des Federhauses, das die Kraft umschließt,
von welcher alle Bewegung ausgeht, die das ganze Getriebe gleichsam beseelt, den
Namen Jesu eingegraben. Von einem andern war aus dem feingeschnittenen, prächtig
ornamentierten Monogramm der heiligen Jungfrau Maria der Schutzdeckel des
Zifferblattes gebildet worden. Auf der Innenseite des Gehäuses standen die Worte
eingraviert:
Kasper Werner hat mich gemacht
Vnd der heiligen Jvngfrav dargebracht
Da. man. zelt. 1541.
Immer reichere Schätze gelangten zum Vorschein, als Lotti ein Lädchen nach dem
andern öffnete und schloss. Taschenuhren in allen Formen und Gestalten,
achteckig, rund, oval, elliptisch, sternförmig, in Gehäusen aus Gold und Silber,
aus Smaragd, Rauchtopas, Bergkristall. Unter andern gab es eine Uhr in
Kreuzform, mit dem Augsburger »Stadtphyr«, »Wardein- und Wichszeichen« versehen.
Das Gehäuse, das Zifferblatt und der innere Deckel waren mit Darstellungen des
Leidens Christi bedeckt, die dem besten Künstler zur Ehre gereicht hätten.
Leider fehlte das Meisterzeichen. Aber mit Blindheit hätte man geschlagen sein
müssen, um nicht sogleich zu erkennen, dass die prächtige deutsche Arbeit aus der
Zeit Kaiser Rudolfs II. stammte und vermutlich von Hans Schloteim hergestellt
worden war.
    Über den Ursprung ihrer nächsten Nachbarin, gleichfalls kreuzförmig, mit
Gehäuse aus einem Stück Rauchtopas, konnte kein Zweifel obwalten. Ihr Schöpfer
hatte sie nicht namenlos in die Welt geschickt, sondern neben dem Stellungsgrade
brav und deutlich sein »Konrad Kreizer« eingeschrieben.
    Eine ganze Schar anmutiger Französinnen folgte. Köstliche Ührchen,
geschmückt mit Emailmalereien von den Brüdern Huaut, oder mit erhaben
geschnittenen Blumen, mit buntem Blattwerk, mit durchbrochenen Arabesken aus
vielfarbigem Golde. Die Sammlung
