 keinen Platz. In milderer Form ist dasselbe oft
genug von jüdischer Seite über mich geäußert worden. Ich habe es lächelnd
ertragen, weil ich mir sagte: »Dies ist der beste Beweis, dass du deine Pflicht
getan hast. Wärest du so töricht, so ungerecht, so feig gewesen, deine Waffen
nur gegen die äußeren Feinde des Judentums zu kehren und nicht gegen die inneren
Gegner einer gesunden Entwicklung, so wären diese Herren mit dir zufrieden
gewesen, aber sonst niemand anders und am wenigsten dein eigenes Gewissen.« Und
auf diesem Standpunkt blieb ich stehen.
    Freilich, ein Gesamtbild lässt sich dem Leser ungleich schwerer verständlich
machen als ein Ausschnitt. Aber ich habe mich bemüht, meinen Roman so zu
schreiben, dass er von jedem Leser, gleichviel welchen Bekenntnisses, auch wenn
er nie einen Juden des Ostens selbst gesehen hat, verstanden werden kann.
    Berlin, 15. Juli 1893
                                                                Karl Emil Franzo
Karl Emil Franzos ist am 28. Januar 1904 aus dem Leben geschieden, ohne den
»Pojaz« veröffentlicht zu haben. Was ihn bewogen hat, dieses Werk - wohl sein
bestes und reifstes - mit dem er sich durch Jahrzehnte beschäftigt und das er im
Jahre 1893, im Alter von 45 Jahren, auf der Höhe seiner Schaffenskraft vollendet
hat, so lange zurückzuhalten, soll hier nicht erörtert werden. Nur so viel sei
gesagt, zweierlei hatte kein Teil an dieser Zögerung: er hielt sein Werk keiner
Änderung mehr bedürftig und hat auch tatsächlich seit dem Jahre 1893 nichts mehr
hinzu und nichts hinweggetan, und er scheute nicht den Kampf mit den dunklen
Mächten, die dies Buch vielleicht wieder gegen ihn aufgewühlt hätte. Denn bis zu
seinem letzten Atemzuge blieb er ein Streiter für Recht und Licht.
    Über sein Leben und seine Vorfahren hat Franzos in der »Geschichte des
Erstlingswerkes« (1894), worin er autobiographische Aufsätze von neunzehn
deutschen Schriftstellern über ihre dichterischen Anfänge vereinigt, in seinem
Aufsatz: »Die Juden von Barnow« ausführliche, obiges Vorwort ergänzende
Mitteilungen gemacht.
Wien, im Juli 1905
                                                                 Ottilie Franzos
 
                                 Erstes Kapitel
Der Held dieser Geschichte - und zwar in Wahrheit ein Held, wenn man diese
Bezeichnung nicht einem Menschen, der mit Aufgebot aller Kraft leidvoll nach
einem hohen Ziele ringt, ungerecht weigern will - hatte auch einen heroischen
Vornamen. Er hieß Sender, in welcher gedrückten, gleichsam ausgeknochten Form
der stolze Name Alexander, den die Juden in einer glorreichen Zeit ihrer
Geschichte von den Hellenen übernommen, unter ihren gequälten, geknechteten
Nachkommen im Osten Europas fortlebt. Minder heldenhaft klingt sein Zuname:
Glatteis, den irgend ein Zufall oder die Laune eines Beamten seinem Großvater
zugeteilt hatte.
    Aber wenige wussten, dass er so hieß, der Name stand eigentlich nur in seinem
Geburtsschein, in
