 folgte der letzte Sommer und wie rasch war der Herbst da und dann - zu
Neujahr ...
    Er schloss die Augen, als könnte er den Glanz des Glücks nicht ertragen, in
dem sein Leben vor ihm lag, soweit ihm der Blick reichte. Bisher hatte ihn eine
trotzige oder kecke Zuversicht erfüllt, heute, an diesem ersten Frühlingsmorgen,
da ihm jedes Hindernis beseitigt schien, war ihm so weich und zugleich so selig
zu Mute wie nie zuvor. Mit anderer, höherer Empfindung als sonst langte er nun
die Gebetriemen aus dem Schrein und schlug sein Andachtsbuch auf, das
Morgengebet zu sprechen.
    Es war ein abgegriffenes Büchlein mit mürben Blättern, das wohl einst in
schwarzes Leder mit Goldschnitt gebunden gewesen; heute war der Einband grau und
zerfetzt, der Druck fast verwischt. Ein altes Büchlein, und er hatte es nie neu
gekannt; die Mutter hatte es ihm einst, als er beten gelernt, geschenkt; es habe
früher einem Verwandten gehört. Aber so alt es war, ihm diente es gut, und gar
beim Morgengebet konnte ihn der undeutliche Druck nicht stören; dies Gebet
kannte er ja, wie jeder Jude, auswendig, und hielt beim Beten nur deshalb den
Blick auf das Buch geheftet, weil es die Sitte so gebot. Und vielleicht sprach
er auch das Gebet all diese Jahre oft genug aus keinem anderen Grunde - die
Unterlassung wäre Sünde gewesen, warum sollte er sündigen? Heute aber, im Glanz
dieses Frühlingstages, quollen ihm die Worte nicht bloß von den Lippen, sondern
auch aus dem Herzen. Er war sich dessen wohl selbst kaum bewusst, und noch
weniger hätte er sich über den Grund Rechenschaft geben können - verstanden
hatte er diese hebräisch-chaldäischen Worte wohl auch sonst, heute schienen sie
ihm für ihn selbst geschrieben: »Dank dir, Gnadenreicher, der du erfüllest,
wonach unser Herz schmachtet ... Erbarme dich über uns und gib uns in das Herz,
zu verstehen und zu erkennen, zu hören und zu lernen ...« Und als er an die
Stelle kam: »Gepriesen seist du, der du die Siechen genesen machst und alle
Krankheit von uns nimmst« - erhob er die Augen zum Himmel.
    Ja, auch diese Last war nun von ihm genommen, die einzige, die ihn noch
bedrückt. Er hatte das »bisschen Husten« nicht schwer genommen, aber es war doch
recht lästig gewesen, und er hatte gelogen, wenn er der Mutter versichert, er
empfinde keinen Schmerz dabei. Aber er hatte immer gehofft, das werde besser
werden, wenn nur erst der Winter vorbei sei, und wirklich war schon während der
Frühlingsregen der Hustenreiz geringer geworden. Heute quälte er ihn kaum mehr,
und wenn
