 Senders Schicksal zu führen hatte.
    Wer sich nicht rechtzeitig mit Luiser Wonnenblum abgefunden, - und dazu
waren die wenigsten vorsorglich genug, da ja die Fälschung der Matrikeln schon
bei der Geburt des Knaben stattfinden musste, - hatte nur zwei Wege: er wandte
sich an einen Agenten, der die Mitglieder der Kommission bestach, oder an einen
»Fehlermacher«, gewöhnlich einen Bader oder Wundarzt, der den jungen Menschen so
übel zurichtete, dass er als untauglich befunden werden musste. Beide Gewerbe
wurden von Christen und Juden betrieben, ebenso waren unter den Klienten beide
Bekenntnisse gleichmäßig vertreten. Da das »Fehlermachen« billiger zu stehen
kam, so schlugen die minder bemittelten Leute in der Regel diesen Weg ein.
    Frau Rosel hatte kaum das tägliche Brot, dennoch graute ihr vor diesem
Mittel. Sie versuchte es zunächst bei Herrn v. Wolczynski, dem vornehmsten
Bestechungsagenten im Barnower Kreise, der einst zwei Güter besessen hatte, aber
langsam durch Verschwendung und Hazardspiel zu diesem Geschäft hinabgesunken
war, das freilich seinen Mann trefflich nährte, sofern er es nur recht verstand.
Ein richtiger Agent musste den Charakter und die Verhältnisse aller Mitglieder
der Kommission aufs genaueste kennen, um die Schwächen herauszufinden, durch
deren Ausnützung er jeden dieser Offiziere, Ärzte und Beamten zu seinem Werkzeug
oder doch zum untätigen Zuschauer seines Treibens herabwürdigen konnte. Und
ebenso musste er eine große Personenkenntnis im Kreise haben, denn von dem
Aussehen des Jünglings, dem Vermögen seiner Eltern hing ja die Höhe des Preises
ab. Endlich aber hatte er die schwere Kunst zu üben, all seine Schuftigkeit
unter der Maske eines Ehrenmanns zu verbergen.
    Herr v. Wolczynski verstand sich auf all dies und auf eine vierte Kunst
dazu: niemals mit sich handeln zu lassen. Eine große Kunst in einem Lande, wo um
alles gehandelt wird. Er ließ Frau Rosel ruhig reden, so lang sie wollte, und
überlegte: »Sie ist arm, hat aber eine Affenliebe für den Schlingel, er ist
blass, mager, aber gesund -« Laut jedoch sagte er nur: »Dreihundert Gulden!«
    Sie jammerte, das könne sie nicht erschwingen.
    »Feste Preise!« war seine Antwort. »Adieu, liebe Frau!«
    Länger währten die Verhandlungen mit Dovidl Morgenstern. Der Mann war seines
Zeichens Winkelschreiber. Er hatte in seiner Jugend einige Jahre in Lemberg
zugebracht, dort Deutsch lesen und schreiben gelernt und sich dann mit Hilfe des
Bürgerlichen Gesetzbuchs und des Strafgesetzes zu einem »feinen Kopf«
ausgebildet. Für die Juden von Barnow war er neben Luiser das Orakel in allen
Rechtsfragen. Da dieser Erwerb nicht hinreichte, so machte er Herrn v.
Wolczynski Konkurrenz. Sein Geschäft war kleiner als das des Edelmanns, er
verdiente weniger dabei und war ein Jude
