 oder Gassenhausern, nach einem »Spiel« ist er
begierig. Und im Ghetto gibt es keinen gedruckten Anekdotenschatz, kein Konzert,
kein Theater.
    So hat es denn der Himmel gnädig gefügt, dass es dort wenigstens »Schnorrer«
gibt. Denn der richtige Schnorrer ist alles zugleich: Witzbold, Sänger,
Schauspieler, vor allem aber die lebendige, zweibeinige Zeitung. Vor den
gedruckten hat diese Zeitung voraus, dass sie immer in jenem Format erscheint,
das dem Abonnenten wünschenswert ist; will er in Kürze bedient sein, in Duodez;
liebt er die Ausführlichkeit, in Folio. Auch kann man gleich fragen, wenn man
etwas nicht versteht, und findet immer, was man finden will: wer Schnurren
liebt, bekommt sie aufgetischt und die Staatsgeschichten nur als Anhang; der
Politiker des Ghetto aber kann die längsten Leitartikel genießen, immer nur die
hohen diplomatischen Affären, mit einem Feuilleton wird er nicht belästigt.
Freilich lügt der Schnorrer oft, während in der gedruckten Zeitung immer nur die
Wahrheit steht; auch ist seine Auffassung der Tatsachen oft eine subjektive, ja
geradezu einseitige, während in jedem Leitartikel die einzige Meinung zu finden
ist, die man als vernünftiger Mensch über ein Ereignis haben kann.
    Aber dafür leistet er daneben auch noch Besonderes, was sogar ein Weltblatt
nicht gewähren kann. Denn keine andere Zeitung singt und führt komische
Soloszenen auf, und so viel Anekdoten auf einmal, wie er mitbringt, könnte auch
keine bieten und erschiene sie dreimal täglich in der Größe eines Bettlakens.
    Darum braucht der Jude des Ostens seine »Schnorrer«, und es gibt viele unter
diesen Landstreichern, die sich die Kundschaft förmlich auswählen können und
nicht für jeden zu haben sind, der sie als Gäste begrüßen will. Aber auch bei
jenen, die er seines Besuches würdigt, bleibt der »Schnorrer« kaum länger als
einen Tag, und selbst in einer größeren Stadt kaum länger als eine Woche. Die
Unrast treibt ihn hinweg, aber auch die Klugheit, die Eitelkeit. Er will immer
neu, anziehend, willkommen bleiben.
    Man sieht, das »Schnorrertum« ist eine Erscheinung im Volksleben des Ostens,
die so sehr an die eigentümlichen Verhältnisse wie an den Volkscharakter
gebunden ist, dass man in aller Welt und Geschichte nichts Gleiches finden
könnte.
    Es läge ja nahe, an den »Schmieren«-Künstler zu denken, wie er bei uns in
Deutschland von Dorf zu Dorf, von Flecken zu Flecken zieht, durch seine Talente
die Leute rührt oder erfreut, und dadurch sein Brot erwirbt, wenigstens
zuweilen. In der Tat verdankt auch er, wie der »Schnorrer«, die Möglichkeit,
sein Dasein zu fristen, jenem dunklen Drang der Menschenbrust, der auch den
Rohesten nicht fehlt,
