 Statt auszusprechen.
    »Wer, der selber Kinder hat, empfände diesen Stachel Ihnen nicht nach,
Exzellenz,« sagte sie seufzend, setzte darauf aber mit ihrem wirksamen Lächeln
hinzu: »Wenn indessen der Verdruss eines Widersachers ein Trost ist, so halten
Sie sich an den, dass der mütterliche Großvater Ihrer Enkel den nämlichen Pfahl
in seinem Fleische fühlt, da die Tochter auch ihm den geringfügigsten Einfluss
auf ihre Kinder verwehrt und dieselben seinem Zürnen zum Trotz in gebildeten
Lebenskreisen erzieht.«
    »Wirklich! wirklich!« rief der alte Herr, indem er sich vergnügt die Hände
rieb. »Ei nun, ähnlich sieht ihr diese kindliche Gemütlichkeit, und Sie haben
recht: ein Trost bleibt es immer, wenn auch nur ein halber. Jetzt aber steht es
fest: morgen dringe ich bei ihr ein, mag sie ein Gesicht schneiden, so sauer sie
es fertig bringt. Ich will und muss mich überzeugen, was sie aus den Kindern
macht, ich will und muss meine Enkel wiedersehen - vielleicht zum letzten Male
sehen. Und nun zur Hauptsache: wie, glauben Sie, wird Brigitte die Überraschung
aufnehmen, dass ich Hochwerben verkauft habe?«
    »Verkauft - und nicht an den Amtmann?«
    »Würde es dann für Brigitte eine Überraschung sein? Nein, an meine
Schwägerin.«
    »Die Gemahlin des Propstes?«
    »Leider nicht an sie. Auch diese liebe Seele ist eine Hartenstein geworden,
das heißt, sie hat ihre Geldtasche nicht fest genug gehalten, um einen alten
Familiensitz gegen einen Mehlborn zu behaupten. Just ihr indessen wird der
Handel wie jetzt, so hoffentlich dereinst zugute kommen. Die Käuferin ist ihre
Tante, Schwester ihrer Mutter und meiner seligen Frau; ein lediges Fräulein in
meinen eigenen blühenden Jahren, die Letzte der Werben.«
    Hätten in dem bescheidenen Pfarrhause schöngeistige Zeitblätter Eingang
gefunden, so würde für dessen Insassen die neue Patronin keine Unbekannte
gewesen sein. Denn da erschien wohl selten eine Korrespondenz aus »Elbflorenz«,
ohne Tusneldas von Werben als einer Polyhymnia oder mindestens Mäzena zu
gedenken. Ihr Geist, ihre Originalität, ihr Harfenspiel, die schönsten
Frauenarme - noch im siebenzigsten Jahr! - wurden gerühmt und sogar besungen;
aufrichtig besungen, denn Ironie zählte nicht stark zu der Ästetik ihrer Zeit
und Zone. Das gastliche Werbensche Haus in der Ostraallee, als dessen
Spezialität es galt, dass neben ausgesuchten künstlerischen Genüssen diejenigen,
welche Leib und Seele zusammenhalten, nicht verabsäumt wurden, war ein Zielpunkt
der einheimischen wie durchziehenden Hautevolee; auch der des Geistes, und
letztere revanchierte sich für obenerwähnte Genüsse durch obenerwähnte
Huldigungen.
    Aber Pastor Blümel und seine Hanna gehörten zu keiner Art von Hautevolee,
leider ja nicht einmal zu der des Kirchentums; sie waren in der
