 eines neuen Lebens.
    Als der letzte Schimmer des weißen Segels verschwunden war, da stand die
treue Weltenmutter glorreich leuchtend über ihren Häuptern, und Dezimus Frei
hielt an seinem Herzen das Weib, welches seinen Jugendträumen als Leitstern
vorgeschwebt hatte und seinen Mannesjahren die Erfüllung bringen sollte.
Bis zu diesem Abschluss, mein Konstantin, bin ich gelangt, während der Wochen,
die wir auf dem unwirtlichen Eiland hinbrachten in Erwartung des Phänomens, an
welchem wir die Entfernung unserer Erde von der alten, guten Sonnenmutter zu
ermessen hoffen. Morgen ist die entscheidende Stunde; es regnet, am Horizonte
brauen dichte Nebel, die Gefährten blicken beklommen, noch vertraue ich aber
meinem bewährten Johannisglück.
    Und nun lege ich die Feder aus der Hand, mit welcher ich die Erinnerungen an
dieses Glück als ein Vatererbe für dich niedergeschrieben habe. Die Tatsachen
sind treu. Wie aber eine Landschaft, die sich uns im Morgengold eingeprägt hat,
verwandelt scheint, wenn wir im Nachmittagsschatten auf sie niederschauen, so
mag auch die Farbe, über Menschen und Dingen von dazumal, sich im Gedächtnis
nachmittägig verwandelt haben, und wenn es dich etwa bedünken sollte, dass das
Licht mit ungebührlichem Glanze auf die Gestalt des Helden gefallen sei, - ei
nun, mein Konstantin, es sind nur die besten Autoren, die heller als ihre Helden
leuchten, und wem wird ein Fünkchen Eitelkeit wohl so gern verziehen werden als
dem Vater, der seinem Sohne ein Erinnerungsbild hinterlassen möchte?
    Es sind nur die Stufenjahre der Jugend, die ich vollenden konnte; nicht mit
Unrecht aber hat man gesagt, dass die ersten beiden Jahrzehnte, »die süßen
zweiundzwanzig«, wie der Dichter sie nennt, die Hälfte eines Manneslebens
umfassen, und wenn es Metusalems Alter erreichen sollte. Die andere Hälfte, die
mit Lydia beginnt und den Sternen, mag, soweit du sie nicht miterlebt, deine
Mutter dir ergänzen. Drücke auch aus meiner Seele heraus die Segenshand an dein
Herz, die so warm in der meinen gelegen und dich so treu bis heute geleitet hat.
    Aber es war nicht gemütlicher Zeitvertreib, nicht die erquickende Rückschau
in blaue Fernen allein, die mich trieben, deinen Blick auf das gute Heimland zu
lenken, dem du Korn auf Korn entsprossen bist. Wie es einem Geschichten
erzählenden Vater ziemt, lag mir eine Lehre im Sinn, die ich dir zurufen wollte
just aus der antipodischen Zone, in die ich seit Monden und auf Monde hinaus
mich gebannt, um eines Lichtmomentes willen, den ein Wolkenschatten verdunkeln
kann.
    Es ist nahezu ein Postulat geworden, dass die Zeit, in der du zu reifen
berufen bist, den idealen Lebensgehalt verkümmern lässt. In dir erfahren wirst du
es nicht. Einem Sohne Lydias verkümmert nicht sein Ideal. Glaube es aber
