 was du von Hangen und Bangen empfunden,
das hangte und bangte nach ihr. Und da kommt nun ein Menschenkind, lebenskundig
und wahrheitsmutig, wie du kein zweites kennst, nennt sich deinen braven
Kameraden und sagt dir auf den Kopf zu, dass deine Liebe gar nicht die echte,
rechte Liebe sei; dass du - schäme dich, Dezimus! - ein leibhaftiger Don Juan,
noch ehe du ein Bräutigam geworden, ein zweites und drittes Verhältnis
angebandelt habest, und am Ende kommen noch ein halbes Dutzend hinterdrein, denn
wo ist bei solcher Anlage ein Aufhören abzusehen? Zum allerärgsten aber hat
dieses kluge Menschenkind sich darauf gesteift, dass du ein Traumbild umkreisest,
nicht bloß in der Phantasie, wo es hingehört und, dir wenigstens, nicht schaden
kann, sondern als leibhaftiger Mann ein leibhaftiges Weib, als sein
prädestiniertes anderes Ich!
    Aber so habe dich doch nicht wie ein Narr, Kandidat. Denke doch an deine
erste Sonntagspredigt! Du schreist dich ja heiser mit deinem »Hol über, hol
über!« Hat der alte Veit sich bereits auf das Ohr gelegt, so erweckt ihn nicht
die Posaune des Jüngsten Gerichts. Du nimmst dann den Weg über die Brücke und
läufst dir den Wirrwarr von Liebesgedanken aus dem Hirn. Welchem Menschen, der
sich gesunder fünf Sinne erfreut, fällt es ein, bei Seuchenzeiten, in rauer
Novemberluft durch den Fluss zu schwimmen, um nichts und wieder nichts als eine
halbe Stunde früher bei der zu sein, die er wirklich liebt? Und sieh, da kommt
ja auch schon der alte Veit, fein gelassen, in deinem eigenen, bedächtigen
Hirtenschritt, in welchem ein Mensch sein Ziel am zuverlässigsten erreicht. Und
nun bist du jenseit, und wenn du auch wie ein Wetter durch die Dorfgasse fegst,
du hast bis zur Pfarre hinlänglich Weile, dir zu überlegen, ob ein Ideal in
Wahrheit ein so gefährliches Wesen sei, wie man dir hat einreden wollen, ein
Wesen, das dich in deiner Herzenstreue beirren könnte?
    Und siehst du wohl, ehe du noch den Gottesacker erreichst, da bist du schon
wieder der alte Dezem aller Tage, ja wahrhaftig, du lachst! Was versteht solch
ein armes, verkümmertes Wesen, das keinen Näheren als einen Bruder lieben darf
und will, von eines Jünglings Rosenwonne? Was versteht die kleine Sidi, mit
ihrem altklugen Kopf und vorwitzigen Mund von einem Traumbild der Seele? Sind
die hohen Himmelslichter dort oben nicht auch deine Traumbilder gewesen, und
würdest du sie als Ideale gehegt haben, wenn du sie mit deinen Armen umspannen
konntest wie die blühende Erde, in welcher dein Dasein wurzelte? Sei und bleibe
dein weißes Fräulein dir ein Ideal und eine Seelenschwester für das Leben; die,
nach welcher deine
