 ihrem ursprünglichen Herd auch
über andere Teile des Vaterlandes, wo sie ein dichtgedrängtes Volk der
genügenden Nahrung entbehrend fand, ausgebreitet. Für die Werbener Gegend war
man jedoch außer Sorge; unter den erquicklichen Luftströmen ihres Tales und
seinen der Mehrzahl nach wohlhäbigen Bewohnern hatte seit Menschengedenken
selbst keine Kinderkrankheit epidemisch Fuß gefasst. Die Cholera war vor Jahren
in den nachbarlichen Auenstädten und Dörfern wie ein Würgengel aufgetreten; an
der Werbener Flurmark machte sie halt. Im frommen Dank für diese Gnade hatte man
dazumal in der Pfarre wie auch in diesem und jenem Bauernhofe, wo die Blümelsche
Sinnesart allmählich Widerhall gefunden, für die Heimgesuchten gearbeitet,
gesammelt, gespart, das Entbehrliche hingegeben, und also geschah es heuer
wieder. Tropfen leider auf einen heißen Stein!
    Lydia sandte unter des Kurators Zustimmung den größten Teil der aufgesparten
Hälfte ihrer Rente in die bedrängten Gegenden; sie glaubte sich zu diesem
Eingriff in ihre eigene Ordnung berechtigt, da binnen kurzem ja das volle
Einkommen auf ihre Kousine übergehen werde.
    Denn das herzstärkende Zwischenspiel am Meer hatte Lydia in ihrem ernsten
Zukunftsplane nur gefestigt; Sidonie war durch Freund Blümel bereits davon
benachrichtigt, dass jene unmittelbar nach Philipps Entscheidung über seinen
Beruf, also zum Frühling, in die große Diakonissenanstalt am Rhein eintreten
werde. Sie lebte zurzeit auf dem Schloss wieder ganz allein. Die Geschwister
waren in ihre Heimstätten, die Mutter in Martins Haus zurückgekehrt.
    Pastor Blümel bekämpfte ihr Vorhaben nicht; doch bangte ihm vor dessen
Ausführung, weniger um ihretwillen als um seiner selber willen. Lydias
Verhältnis zu ihm und seinem Hause war seit der Heimkehr von der Insel ein
verändertes. Sie besuchte regelmäßig seine Kirche; von Mutter Hanna wurde sie in
ihrer Einsamkeit gleich einer Angehörigen gehegt, und auch Röschen gewöhnte sich
an das »In die Höhe blicken« und »Schweigenhören«, wie sie es nannte; der Vater
aber liebte sie mehr denn je wie ein eigenes Kind, ja wie ein im Greisenalter
erfülltes hehres Traumbild der Seele. In seinem Erinnerungskalender aus jener
Zeit steht, offenbar in bezug auf Lydia, die Bemerkung:
    »Wie gewisse stark organisierte Körper sich erst völlig entwickeln nach
einem Fieber, das die in der Ruhe stauenden Säfte in Umschwung bringt, so gibt
es hochgerichtete Seelen, in denen erst durch einen Irrtum, ja durch ein Fehl
ein Gleichmass der Wirkungen hergestellt wird. Hier wie dort ringt die
unterdrückte Natur sich aus ihrem Bann.«
    Auch mit Dezimus war Lydia in Briefwechsel getreten. Der Austausch der immer
zufriedenstellenderen Nachrichten von der Insel gab den Anlass dafür, wenn auch
nicht seinen einzigen Stoff. Da aber neben jenen Nachrichten die Außenwelt ihnen
wenig Erfahrungen zutrug, tauschten sie die immer reichlicher strömenden ihres
inneren Lebens gegeneinander aus, und Dezimus genoss die volle Seligkeit, in die
Seele einer
