 wohl der arme Witwer, er schrieb ihm auch einen herzlichen
Beileidsbrief, und dann war Lisbeth von Hartenstein zu den Schatten geweht -
vielleicht nicht bloß für ihn.
    Tiefer griff für viele und auch für Dezimus selbst, ebenso unerwartet, ein
anderes Scheiden während der sommerlichen Zeit.
    Sidoniens kürzlicher Johannisbrief hatte des Persönlichen wiederum wenig
Neues gebracht. Sie sprach mit wachsender Anerkennung von ihrer Mutter und deren
Gatten, obgleich sie den letzteren noch immer nicht Vater nannte. Ihre früheren
Heimatspläne hatte sie niemals wieder erwähnt; sie mochten wohl mehr Scherz als
eine Fühlung gewesen sein.
    Eingänglich und mit geistvollem Humor behandelte sie dagegen das politische
Gestritt, das, durch den langer Hand vorbereiteten Sonderbundskrieg in nächster
Nähe gesteigert, ihr an Harmonien gewöhntes Ohr als krauses Charivari
umschwirrte. Da gab es rings um die kleine Musikmeisterin, als der einzigen
standfesten Borussin, religiöse Freigeister, staatlich konservativ, staatliche
Radikale, schwärmend für eine neue Religion; Liberale aller Grade; begeisterte
Polen, umstürzende Russen, italienische Verschwörer, Groß- und Klein-, Alt- und
Neuteutonen, Republikaner, Sozialisten und Kommunisten im widerspruchsvollsten
Miteinander und Gegeneinander. Aus der Ferne trug dann noch der französierte
Bruder Poet eine Klangfarbe hinein, die zwischen Trikolore und blutigem Purpur
schwankte, allemal aber ein wenig in das Hartensteinsche Wappengold schillerte.
    »In meinem Mäxchen ist der Junker vom Werdetag wieder aufgewacht,« schrieb
die Schwester.
    Dezimus bewunderte an seiner jungen Freundin den hellen Sinn, der inmitten
eines betäubenden Phrasenschwalls redliche Torheit so haarscharf von gemachter
Verwogenheit unterschied, ohne sich durch irgendwas oder irgendwen in der
eigenen Meinung, der Billigkeit gegen alle und der Liebe gegen einen einzigen
beirren zu lassen. Kritik und Neigung, die feindlichen Schwestern, gingen in
ihrer Natur einträchtig Hand in Hand. Sie verstand den Menschen, hielt sich an
sein Ursprüngliches und nicht an die verkehrten Äußerungen, durch welche er, in
eine schiefe Stellung gedrängt, überschüssige Säfte ausgärte, leider aber auch
oftmals seine wesentlichste Essenz verflüchtigte. Bei keinem Menschen aber mehr
als bei ihrem Max. Über denselben sagte sie indessen auch heuer weiter nichts,
als leider verständlich genug:
    »Paris verdirbt ihn; das heißt die Pariserinnen, für welche ein schöner Mann
ein Genie ist, auch wenn er es nicht wie in seiner Art mein Mäxchen wäre. Wer
fragt beim Belvederischen Apoll nach seiner Leier? Bei aller Abgötterei, die der
deutsche Lord Byron mit sich treiben lässt, glaube ich aber dennoch, dass er
wahrhaft geliebt nur die einzige hat, für die er kein Genie gewesen ist, und dass
er eben darum sie vielleicht heute noch liebt. Das Schwanenlied mit seinem
Schmachten nach heilig kühlem Frieden ist das rührendste, was er gedichtet hat;
und wahrscheinlich das einzige, das sich in den Herzen
