 armes Lamm,« flüsterte Frau Hanna mit einem weheleidigen
Blick auf ihr eigenes Lämmchen; dann aber faltete sie die Hände zum Dank, dass
diesem schwächlichen Wesen die pflegende Mutterhand erhalten worden sei, und was
sie in der Stille des Herzens sich gelobte, das wird in der Geschichte eines
Glücklichen zu erlesen sein. Ein sonniges Lächeln breitete sich über ihr gutes
Gesicht; sie badete den Kleinen in ihres Töchterchens Wanne, kleidete ihn -
nicht aus dem Inhalt des blaugewürfelten Bündels -, sondern aus ihres
Töchterchens Garderobe, reichte ihm die erste Nahrung aus ihrer Brust und
bettete dann den zehnten Sohn zu der siebenten Tochter unter dem Wiegenhimmel.
Sie lagen nebeneinander wie ein Zwillingspärchen und schlummerten unbekümmert um
Lebens Leid und Lust.
    Währenddessen war der Pfarrer, die Hände auf dem Rücken, die Blicke am
Boden, ohne einen Laut zu äußern, das geistliche Gemach auf und ab geschritten.
Tief im Herzgrunde lag das Problem gelöst; aber welche schwere Gedankenrätsel
hatte es aufgewirbelt! War es ein heimliches Ahnen und Mahnen gewesen, das ihn
zur Zeit der Katastrophe im Hirtenhause so unwiderstehlich in die Betrachtung
des Zehentopfers bannte? War es ein unbewusstes Regen des Vaterherzens gewesen,
das den trunkenen Mann im Rasen der Verzweiflung zu einer rettenden Liebestat
entflammte? Der Pfarrer hatte in seinem Sinnen nicht ein Wort vernommen von den
philosophischen Bemerkungen über die menschliche Niedertracht im allgemeinen und
die des Klausen Frei im besonderen, welche sein Adlatus dem Bericht über die
Vorgänge im Hirtenhause angereiht hatte. Als die Pastorin sich unbemerkt der Tür
wieder näherte, hörte sie den Philosophen sagen:
    »Ich stehe noch immer starr und steif, Herr Pastor. Ist so ein Malefiz auf
dieser Erdenwelt schon dagewesen! Seinen leiblichen Wurm splinterfasernackig,
wie ihn Gott geschaffen hat, aus dem Hause zu tragen, - ins Wasser etwa? Nun
freilich, es wäre eine Mordtat gewesen, aber in der Rage - nach Gelegenheit -
sozusagen verzeihlich. Ja, prosit die Mahlzeit! Hinauf in die Pfarre schleppt er
ihn, sozusagen in Abrahams Schoss schleppt er ihn! Herr Pastor, Herr Pastor!
dieses menschliche Individuum ist hundert Prozent boshaftiger, aber tausend
Prozent weniger dumm, als es das Aussehn hat. Mich soll nur wundern, wie der
Kujon die Leiche unter die Erde schwindeln wird.«
    Das Wort »Leiche« schlug an des Pfarrers Ohr wie der erste Hahnenschrei an
das eines Träumenden. Gescheucht aus seinem metaphysischen Ideengange, gemahnt
an seinen nüchternen Arbeitstag, richtete er den Kopf in die Höhe und sprach:
»Beifuss, ich halte der edlen Gertrud - ich meine der Hanne Frei - einen Sermon.«
    Der Kantor prallte drei Schritte zurück. »Einen Sermon, Herr Pastor? Einen
Taler vier gute Groschen, Herr Pastor! Und ich habe mir
