 dein Vater verpflichtet bin, die völlige Reife der Entwicklung von
dir zu fordern. Ach, mein Kind, das Leben hat nicht Sonnenschein für alle, und
wir berauben jedesmal einen Bedürftigen, wenn wir uns einer Himmelsgunst
erfreuen. Wo aber wäre ein Mensch ohne solche Selbstsucht fertiggeworden? Und
sich selber fertigbringen, soweit die eingeborene Gestaltungskraft reicht, ist
des Menschen oberstes zeitliches Gesetz, denn nur nach dem Masse seiner
Fertigkeit wirkt er.«
    Der Greis machte eine kleine Pause; dann fuhr er fort:
    »Bei deiner ruhig wägenden Gemütsanlage, bei der engen Umfriedigung deines
bisherigen Daseins würdest du es nur zu einer einseitigen Ausgestaltung bringen,
wenn du mit dem ersten Schritt in die Freiheit dich einbürgertest in einem
abstrakt ideellen Reich, in welchem es wohl gilt, stetig vorwärts zu dringen,
aber nicht zu ringen, wohl zu wägen, aber nicht zu wagen. Leben aber,
Mannesleben, heißt Kampf und Kampfes Zeuge sein. Ein solcher Ringkampf um der
Menschheit höchste Güter ist nun aber, ohne dass du es ahnetest, während deiner
Knabenjahre aufgelodert und wird in deinen Mannesjahren noch nicht ausgelodert
sein. Auf weltlichem Gebiet wie auf dem geistlichen, in welchem du deine Schule
durchzumachen hast, stehen die Parteien widereinander unter dem Feldgeschrei:
Hie Freiheit, hie Autorität! Aus kindlicher Ferne hast du in dem Propst von
Hartenstein und Professor Zacharias zwei bedeutende Männer kennen lernen, die
dir als Chorführer gelten dürfen. Zwischen ihnen aber streifen Plänklerscharen,
diesseit wie jenseit sich berufend auf das nämliche Schibolet, aber
haarspaltend miteinander, hadernd um die Heischungen des Gemütes, des
Verstandes, ja der kennzeichnenden Uniform. Auf einen dieser Tummelplätze sende
ich dich nun, mein Sohn, um dir, soweit es dem Menschen gegeben ist, eine reine
Lösung für den eigenen Geist zu erringen. Denn eine beherrschende Stellung wird
kein Heutiger mehr erreichen; noch niemals hat die Menschheit drei Jahrhunderte
zurückgelebt. Die segenfördernde Macht des Gottesgedankens, die ewige Botschaft
der Barmherzigkeit in der Seele deines Volkes in bescheidenem Umkreis rege zu
erhalten, ihm ein Lehrer, ein Tröster, ein Freund und Vorbild zu sein, das und
kein glänzenderes ist dein Ziel auf der von Kind ab vorgezeichneten Bahn.
Solltest du während derselben erkennen, dass sie weder dich noch andere zu jenem
Ziele führen würde, sollten berechenbare Messungen dich stärker locken als das
Geheimnis des Wortes, das du zu ergründen und zu verkünden hast, dann, aber nur
dann, ist es nicht bloß dein Recht, sondern deine Pflicht, auf jener sich
kreuzenden Bahn vorwärts zu dringen nach dem Urgesetz der Wahrhaftigkeit. So
ziehe denn aus, mein Sohn, und wie du nach treuer Arbeit dich entschieden haben
magst, du kehrest heim, des bin ich getrost, als unser gesegnetes, unser
