 großmütiger Hand die Bahn zu demselben
geebnet, und er spürte ein heißes Verlangen, diese Bahn zu betreten. Die Analyse
des sichtbar Unendlichen dünkte ihm auf einmal weit interessanter als die
Auslegung der Apokalypse; Sternenbahnen erforschen auf stiller Warte weit
zusagender als Predigten halten auf der Kanzel von Werben.
    Hiess denn nun aber seinem Gelüste folgen, nicht alle Erwartungen seiner
Wohltäter vereiteln? Hiess es nicht schnöder Undank, abzuweichen auf einen Pfad,
auf welchen sein Vater und Bildner ihm nicht zu folgen vermochte? Und zumal auf
einen, der selbst in weiter Ferne und Fremde ein gedeihliches Ziel noch
zweifelhaft ließ, während das gedeihlichste in nächster Nähe gesichert war?
Mochte ein leibliches Kind solches Opfer von seinen Eltern zu fordern berechtigt
sein, aber auch das Kind der Barmherzigkeit, die hülflose Waise vom ersten
Lebenshauche an? Und sein Röschen!
    Dezimus stand erst im Aufschritt zu der Jünglingsstufe; sein Puls schlug
ruhig, und seine Phantasie schweifte mehr zwischen Sternen- als Menschenbildern;
sein Verhältnis zu dem schönen Mädchen hatte im Grunde daher noch nicht Hand und
Fuß. Wenn Röschen ein Knabe gewesen wäre, würde es sich kaum anders gestaltet
haben. Dass er aber dem Kinde, neben dem er in der Wiege gelegen hatte, angehören
müsse bis in das Grab, dass eine Liebe, für die er keinen Anfang wusste, auch kein
Ende haben könne; dass, unter welchem Namen auch immer, er zu dieses Kindes
Schirmer berufen sei, zu seinem Versorger, seinem nächsten, ewigen Freund, das
stand für ihn fest wie ein Naturgesetz, nicht erst seit heute oder gestern,
sondern seitdem er sich seines Daseins bewusst geworden. Die kleine Rose war ein
Teil von ihm, sein bestes Teil. Und was konnte er auf dem neuen Lebenswege für
sie werden?
    Noch ein drittes kam dazu. Von dem Augenblicke an, wo sein stolzester
Knabentag damit abschloss, dass er das weiße Fräulein aus dem Hutmannshause treten
sah und er sich zum ersten Male deutlich als das Kind dieser armen Hütte gefühlt
hatte, von dem Augenblicke an waren seine Gedanken häufig zu den unbekannten
Brüdern in die Ferne geschweift. Nicht aus Blutszwang, wie Max von Hartenstein
geringschätzig solchen Trieb genannt, nicht einmal aus neugierigem Verlangen;
einfach aus einem Gefühl der Beschämung, wie es jeden gutgearteten Menschen
überkommt, wenn er sich selbst in unverdienter Fülle und Gleichberechtigte in
ebenso unverdienter Entbehrung sieht. Er hatte damals auch alsobald den Vater
nach dem Schicksale seiner Geschwister befragt und erfahren, dass der treue
Gemeindepfleger sie nicht aus den Augen verloren hatte. Je mehr sie freilich
selbständig im Leben Fuß fassen lernten, um so seltener war eine Auskunft über
sie zu ermitteln gewesen. Die Dezimus im Alter zunächst Stehenden waren früh
gestorben; die Erwachsenen wie Heimatslose in der Welt
