 sie erfahren. Ich lese mit Staunen zwischen Sidoniens Zeilen heraus, dass
sie, zumeist um deinetwillen, sich auf das Erbe des alten Familiengutes
zuversichtlich Rechnung macht. Ich kann euch beide nicht dringend genug vor
diesem Fehlschluss warnen. Wie ich eure Grosstante - ohne Zweifel richtig -
beurteile, überträgt sie in dem Stammsitz ihrer Familie ein Ehrenamt, und solch
ein Ehrenamt überträgt keine Werben auf die Enkel eines reich gewordenen Bauers.
Dass sie deine und deiner Schwester Wohltäterin gewesen ist, würde nur ein Grund
mehr für meine Auffassung sein; denn selten schätzt man die, welche von unserer
Großmut Vorteil gezogen haben.
    Gesetzt aber auch, du würdest durch irgendwelche Schicksalsgunst vor der
Zeit deiner Reife in eine nach aussenhin unabhängige Lage versetzt, entbände dich
das von deiner ersten Pflicht gegen dich selbst und gegen die Welt? Gibt es
etwas Erbärmlicheres als einen vornehmen Müßiggänger, der Kraft, Geld und Zeit
in spielerischen Liebhabereien vergeudet und in Genüssen, die, weil sie niemals
befriedigen, alle Tage wechseln müssen? Es ist, im Gegensatz zu reicheren
Ländern, ein Segen der durchschnittlichen Armut unserer höheren Stände, dass das
Faulenzertum, selbst von Erbsöhnen, als Unsitte und das Dienen als Pflicht und
Ehre gilt. Oder hältst du eine deiner künstlerischen Anlagen, die leichte
Dichtergabe eingeschlossen, für bedeutend genug, um sie, selber bei fleißiger
Übung, in langer Zeit über den Dilettantismus zu erheben? Täusche dich nicht,
mein Sohn, sie sind es nicht; eben um ihrer Vielseitigkeit willen nicht und ganz
besonders bei deiner Temperamentsanlage nicht. Eine großartig schöpferische
Künstlerkraft ist fast ohne Ausnahme eine einseitige, und ein großartig
schaffender Künstlerwille ist es auch.
    Täusche dich aber auch nicht darüber, dass du auf unberechenbare Jahre hinaus
- und wahrlich zu deinem Heil! - auf dich allein gestellt sein wirst, auf
Selbstüberwindung und strengen Fleiß. Da du nun einmal vorzeitig an die Gründung
eines eigenen Hausstandes gedacht hast, somit eine aussichtslose, militärische
Friedenskarriere aufgegeben werden muss - und dafür preise ich, wie man so sagt,
den Himmel, mein Sohn! -, bleibt dir keine Wahl als die allein deiner würdige:
die wissenschaftliche Bahn, zu der du vorbereitet bist, zu verfolgen und mit
bescheidenem Anfang einem edlen Ziele zuzustreben. Es naht sich ja mit starken
Schritten die Zeit, in welcher auch in unserem Vaterlande mit dem Schlendrian
aufgeräumt werden wird. Sei es als Beamter, sei es als akademischer Lehrer hast
du dann den Punkt gefunden, von welchem aus ein geistvoller Mann den Hebel
ansetzt, um für den Umschwung der Zeit sein Pflichtenteil beizutragen.«
    Den Schlusspassus von des geistvollen Mannes archimedischem Zeitberuf
abgerechnet - denn aus dem Munde einer Brigitte Zacharias schmeichelt die
Anerkennung seiner Bedeutendheit auch den unzärtlichsten Sohn -, erregte »der
