 kein Dritter
sich gläubig genug erwies, ihren Kultus zu teilen. Wie auch Fernstehende sich
Freunde nennen, wenn sie einen Helden, einen Dichter oder Künstler mit gleicher
Inbrunst verehren, so machte das Traumbild »Max« das Fräulein und den Hirtensohn
zu Freunden, indem es sie über den trennenden Unterschied der Jahre und
Verhältnisse hinweghob.
    Nun aber entpuppte sich aus dem Traumbild der Dichter mit seinen greifbaren
Stanzen und Terzinen; Dezimus schwärmte für diese feuriger als für irgendeine
Ode des Horaz, und wenn die Tiefe des Sinnes ihm mitunter unergründlich, der
Schwung der Bilder ihm zu hoch bemessen war, so schlug der Rhythmus des Lautes
doch wie Musik an sein Ohr, und er schmetterte ihn, ohne einer Melodie zu
bedürfen, mit seinem sich just zum Bass umsetzenden Alt hinaus in die wonnige
Frühlingsluft.
    Die reifere Lydia dagegen wollte fühlen, was ihr klang, und was sie fühlte,
wollte sie verstehen. Sie hatte nicht nur ein fein musikalisches Ohr, sondern
mehr noch ein tief musikalisches Herz, dem schon für manches liebe Lied eine
Melodie aufgegangen war. Die des liebsten von ihnen: »Wenn alle untreu werden«
sang sie ihrem Vater jeden Abend an der kleinen Orgel im Ahnensaale vor. Wie sie
aber auch sinnen mochte, für keines von Maxens Gedichten fand sie im Herzen oder
auch nur im Ohr eine Melodie; und wenn ihr Vater dieselben mit einem seinem
sangeskundigen Meister nachgebildeten Kraftworte »Sprühteufel« nannte, so tat
ihr das zwar weh, aber sie widersprach ihm nicht, wie doch Dezimus es wagte,
wenn sein Pastorvater sie lächelnd »Strohfeuer« nannte.
    So lockerte denn bis zu einem gewissen Grade der Dichter den
Freundschaftsbund, welcher über dem Traumbild geschlossen worden war; mehr denn
jemals indessen nistete in dem Freunde die Vorstellung sich ein, so ein Etwas,
das man Kinderweisheit nennt, dass diese herrliche weltfremde Jungfrau zu diesem
herrlichen weltstürmenden Jüngling notwendig gehöre wie, ei nun, wie etwa der
standfeste Dezimus zu seinem neckischen Rosenschwesterchen oder, in seine
Sternensprache übersetzt, wie ein Mond zu seinem Planeten gehört.
    Lydia hatte bei neunzehn Jahren, in kaum merklichen Übergängen, sich zu
einer Erscheinung entfaltet, so wie ein Zögling Konstantin Blümels, der niemals
ein gemeisseltes oder gemaltes Bild gesehen hat, das Schönheitsideal sich träumt,
der Leib der Seele Überguss. Für Konstantin Blümel selbst aber, den Greis mit dem
Dichterherzen, wenn er die hohe, keusche Liliengestalt, den gebeugten Vater am
Arm, langsam die Terrassen auf und nieder schreiten sah, nur für seine Schonung
besorgt, ihr Blick nur an seinem hangend, das Bild der erfülltesten Kindesliebe,
für Konstantin Blümel verwandelte sie sich in die Tochter des blinden
Tebanerkönigs, von allen klassischen Heidengestalten ihm die rührendste.
    Und wohl trug sie Antigones
