 Kränkung - falls sie
überhaupt als solche empfunden worden wäre - würde sie als Regung von
mütterlichem Egoismus überwunden haben, und konnte ja wohl auch das Glück,
welches einem verehrten Manne durch sie gewährt ward, sowie ihr eigenes
Wohlbefinden dafür entschädigen. Die Zeugnisse ihres Sohnes priesen ihn als ein
Genie. In einem Alter, wo andere erst die Prima erreichen, ging er zu
juristischen und kameralistischen Studien ab nach der Universität; der
aristokratischen Vorschule entsprechend, zu der am Rhein, welche man jenerzeit
eine Prinzenakademie zu nennen begann. Es folgten ein paar Semester in der
Hauptstadt, und das Doktorexamen, das mit Auszeichnung bestanden ward, krönte
die flugartige Entwicklung.
    Dass es der Krone aber auch nicht an einer modischen Perle fehle, entzündete
dieser universale Wunderjüngling durch sprühende Liederfunken die
vaterländischen Herzen, die mehr denn jemals lyrisch empfänglich waren, so wie
eine Flamme, bevor sie erlischt, noch einmal hell aufzulodern pflegt.
Seltsamerweise indessen zündeten am lebhaftesten nicht die erotischen Ergüsse,
für welche es dem Dichter, trotz seiner Jugend, doch keineswegs an Stimmung und
Erfahrung gebrach, sondern die Hymnen stolzer Freiheit, für welche er an
Stimmung und Erfahrung zwar auch keinen Mangel litt, aber doch vielleicht nicht
in dem Sinne, in welchem er sie besang; ja sie entzündeten sogar das hohe
Publikum seines Lebenskreises und vor allen dessen weibliche Hälfte.
    Der Dichter von Hartenstein trug um diese Zeit, als freiwilliger Husar, eine
der blitzendsten Uniformen der Armee. Aber keiner seiner loyalen Kameraden nahm
Anstoß an seinem schwungvollen metrischen Barrikadenbau. Irgendeinen Gegenstand
muss ja der Dichter zum Vorwurf haben, und so wusste man einen fiktiven
Tyrannenhass von einem effektiven zu unterscheiden. Ein junger Kavalier von
altritterlichem Namensklang und neuritterlicher Lebensart, ein freiwilliger
Husar, welcher der einzige Enkel eines Grossgrundbesitzers ist und sich außerdem
auf eine steinreiche und steinalte Erbtante berufen darf, erfreut sich nicht
bloß in materiellem Betracht eines weittragenden Kredits; abgesehen davon, dass
der Modestrom einem Lustrum gefällig macht, was einem anderen verwerflich dünkt.
    Über die Richtung, welche er für die Zukunft einzuschlagen habe, war der
junge Baron noch im Schwanken. Sollte er, der Tradition seiner Väter gemäß, die
militärische Laufbahn fortsetzen oder, dem Rate der gelehrten Mutter und selber
dem der alten Künstlerin gemäß, die staatsmännische erwählen, für welche seine
Studien und Verbindungen ihn glänzend vorbereitet hatten? Am nächsten lag es, in
der Freiheit eines Gentleman und in ästetischer Universalität der Jugend
goldenen Tag zu genießen und unter frohem Wechsel zu erwarten, was das Glück
seinem Günstling mühelos in den Schoss werfen werde.
    Der klangvolle Tenor seiner Poesien hatte einen Widerhall gefunden selbst in
dem unpoetischen Gemüt der Mutter. Nach so vielen Schönen, Tapferen,
Lebensfrohen seines Geschlechtes gab es zum ersten Male, schön und lebensfroh
