 die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker zu Athen, - und
studierte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der Philosophie. Nach
löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts musste auch die Theologie beigezogen
werden: und ein weiteres Jahr hatte ich darüber nachzudenken, ob Christus, als
Gott Vater, zugleich seiner eignen jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigener
Großvater sei. Nun, über all' diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht
zu verachtender Verstand abhanden zu kommen.
    Zum Glück ward ich sterbenskrank und die Ärzte verboten mir Athen und alle
Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen Tukydides in
meinen Reiseranzen. Und dieser Tukydides rettete mich.
    Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von
der Hellenen Taten in Krieg und Frieden: und nun bemerkte ich mit Staunen, dass
der Menschen Tun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre Tugenden und Frevel
eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger seien als alle Formeln und
Figuren heidnischer Logik - von der christlichen Logik vollends zu schweigen!
    Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam
plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über einen
großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes: und war erbaut
auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand ein zerfallner
Altar der Isis und zur Rechten ragte das Betaus der Juden.
    Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: Die alle glaubten und glauben nun
steif und fest, sie allein wüssten das Rechte von dem höchsten Wesen.
    Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar kein
Bedürfnis, von uns erkannt zu werden - ich hätte es auch nicht, an seiner Statt!
- und es hat die Menschen geschaffen, dass sie leben, tüchtig handeln und sich
wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, Genießen und Sichumtreiben
ist eigentlich alles, worauf es ankommt. Und wenn einer forschen und denken
will, so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen.
    Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender
Reiterzug trabte heran: an seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem
Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten und die
Fahnen flogen und die Rösslein sprangen. Und ich dachte mir: Die wissen, warum
sie leben: und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.
    Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein Bürger
von Ephesos auf die Schulter und sprach: Ihr scheint nicht zu wissen, wer das
war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, der zieht in den
Perserkrieg. - Gut, sagte ich, Freund!
