 und der Hausherr legte die Dokumente wieder in ihr Geheimfach hinter
dem großen Kreuz in der Mauer. Der Priester war ermüdet und sah mit Neid auf den
Genossen, dessen stählernen Körper und unangreifbaren Geist keine späte Stunde,
keine Anspannung ermatten zu können schien. Er äußerte etwas dergleichen, als
sich Cetegus den silbernen Becher wieder füllte.
    »Übung, Freund, starke Nerven und« setzte er lächelnd hinzu, »ein gutes
Gewissen: das ist das ganze Rätsel.«
    »Nein, im Ernst, Cetegus, du bist mir auch sonst ein Rätsel.« - »Das will
ich hoffen.« - »Nun, hältst du dich für ein mir so unerreichbar überlegenes
Wesen?« - »Ganz und gar nicht. Aber doch für gerade hinreichend tief, um andern
nicht minder ein Rätsel zu sein als - mir selbst. Dein Stolz auf
Menschenkenntnis mag sich beruhigen. Es geht mir selbst mit mir nicht besser als
dir. Nur die Tropfen sind durchsichtig.« - »In der Tat,« fuhr der Priester
ausholend fort, »der Schlüssel zu deinem Wesen muss sehr tief liegen. Sieh zum
Beispiel die Genossen unsres Bundes. Von jedem lässt sich sagen, welcher Grund
ihn dazu geführt hat. Der hitzige Jugendmut einen Licinius: der verrannte, aber
ehrliche Rechtssinn einen Scävola: mich und die andern Priester - der Eifer für
die Ehre Gottes.«
    »Natürlich,« sagte Cetegus trinkend.
    »Andere treibt der Ehrgeiz oder die Hoffnung, bei einem Bürgerkrieg ihren
Gläubigern die Hälse abzuschneiden, oder auch die Langeweile über den geordneten
Zustand dieses Landes unter den Goten oder eine Beleidigung durch einen der
Fremden, die allermeisten der natürliche Widerwille gegen die Barbaren und die
Gewöhnung, nur im Kaiser den Herrn Italiens zu sehen. Bei dir aber schlägt
keiner dieser Beweggründe an und« -
    »Und das ist sehr unbequem, nicht wahr? Denn mittels Kenntnis ihrer
Beweggründe beherrscht man die Menschen? Ja, ehrwürdiger Gottesfreund, ich kann
dir nicht helfen. Ich weiß es wirklich selbst nicht, was mein Beweggrund ist.
Ich bin selbst so neugierig darauf, dass ich es dir herzlich gern sagen und mich
- beherrschen lassen wollte, wenn ich es nur entdecken könnte. Nur das Eine
fühl' ich: diese Goten sind mir zuwider. Ich hasse diese vollblütigen Gesellen
mit ihren breiten Flachsbärten. Unausstehlich ist mir das Glück dieser brutalen
Gutmütigkeit, dieser naiven Jugendlichkeit, dieses alberne Heldentum, diese
ungebrochnen Naturen. Es ist eine Unverschämtheit des Zufalls, der die Welt
regiert, dieses Land, - nach einer solchen Geschichte, - mit Männern wie - wie
du und ich - von diesen Nordbären beherrschen zu lassen.« Unwillig warf er das
Haupt zurück, drückte die Augen zu und
