 ein dunkelgrauer, scharfzackiger Kegel, weit
emporragend über die höchsten Gipfel des Gebirges. Das ist mein Ziel, der graue
Zahn.
    Ein scharfkalter Luftstrom hat gerieselt von den Gletschern her und das
ganze unmessbare Himmelsrund ist fast finsterblau gewesen, dass ich über den
grauen Zahn herüber jenen Stern hab' erblickt, den wir zur ersten Morgen- oder
Nachtstunde so wundersam leuchten sehen und den sie die Venus heißen. Es ist
aber doch die Sonne gestanden hoch in dem Gezelt. Die fernen Schneeberge und
Felshäupter sind so klar und niedlich gewesen, dass ich schier vermeint, sie
lägen wenige Büchsenschussweiten vor mir und wären aus gleissendem Zucker geformt.
    Gegen Morgen hin fällt die Gegend ab in den welligen Grund des Waldes. Und
die sonst so hochragenden Almweiden liegen tief wie in einem Abgrunde, und dort
und da liegt das graue Würfelchen einer Almhütte. Von der Mitternachtsseite
heran gähnen die schauerlichen Tiefen des Gesenkes, in deren Schatten das
glanzlose Auge des Sees starrt.
    Nun bin ich ein paar Stunden den beschwerlichen und gefährlichen Weg der
Kante entlang gegangen bis zu den Gletschern. Hier habe ich meine Steigeisen an
die Füße gebunden, das Ränzlein enger geschnallt und den Bergstock fester in die
Hand genommen. Der Bergstock ist ein Erbstück von dem schwarzen Mates. Es ist
in diesem Stock eine Unzahl kleiner Einschnitte, die aber nicht andeuten, wie
oft etwan sein früherer Eigner den Zahn oder einen anderen Berg bestiegen,
sondern wie viele Leute er im Raufen mit diesem Knittel zu Boden geschlagen hat.
Ein unheimlicher Geselle! - und mir hat er emporhelfen müssen über die weite,
glatte Schneelehne, hinweg über die wilden Eisschründe und letztlich hinan den
letzten steilen Hang auf die Spitze des Zahn. Hat's getreulich getan. Und wie
gerne hätte ich von diesem hohen Berge aus dem nachgerufen in die Ewigkeit:
Freund, das ist ein guter Stock, wärst hoch mit ihm gekommen, hättest ihn
verstanden! -
    Stehe ich jetzt oben? Geht's nicht mehr weiter?
    Wenn ich so ein Wesen tät' sein, das sich an den Sonnenfäden könnt'
emporspinnen in das Reich Gottes ....
    Unter einem Steinvorsprung auf verwitterten Boden hab' ich mich hingesetzt,
hab' die Dinge betrachtet. Hart um mich sind die feinen zerbröckelten Zacken der
senkrecht liegenden Schiefertafeln gewesen. Über mir wogt vielleicht ein
scharfer Luftstrom hin; ich höre und fühle ihn nicht; mich schützt der
Felsvorsprung, die höchste Spitze des Zahn. Auf meine Glieder legt sich die
freundliche Wärme des Sonnensternes. Die Ruhe und die Himmelsnähe tut wohl. Ich
sinne, wie das wäre in der ewigen Ruh .... Und selig sein! - ewig zufrieden und
schmerzlos leben; nichts wünschen, nichts verlangen, nichts fürchten und hoffen
