 Ich setze den Stock
wieder zur Erde und trete weiter auf die Wiese hinaus. Das Reh hebt rasch sein
Haupt und ich meine, jetzt und jetzt werde es davonstieben. Aber es eilt nicht,
es leckt an seinem Hinterkörper, und mit seinem Fuße graut es sich hinter den
Ohren - dann sieht es mich wieder an und beginnt zu grasen.
    »Rehlein,« sage ich, »du vergissest den schuldigen Respekt gegen den
Menschen! Hältst du mich nicht für fähig, dir gefährlich zu werden? Mich
wundert's, hierzulande streifen Jäger und Wildschützen. Du scheinst sonst kein
heuriger Hase zu sein, stellst dich aber sehr unerfahren. Unter uns Leuten würde
man ein solches Betragen Dummheit nennen.«
    Das Tier grast ganz allmählich gegen mich heran, hält nicht selten ein, um
mich anzuschauen, wirft aber stets erschrocken den Kopf in die Höhe, so oft es
von irgendeiner andern Seite ein Geräusch hört, und bereitet sich zum Sprunge.
Es muss was wittern, denn einmal macht es ein paar große Sprünge, wodurch es mir
aber noch um mehrere Schritte näher kommt. Dann beruhigt es sich wieder und
grast mit Hast und Lust. Die Ohren sind immer gespitzt und das ganze Wesen ist
ein Bild ängstlicher Wachsamkeit und Fluchtbereitschaft.
    »Du weißt es doch,« sage ich - »dass du in Feindesland bist? Keine Minute
sicher vor dem Schuss - das muss wohl recht bange machen.«
    Ich rücke ihm allmählich näher; das Reh beachtet es nicht und grast mir
entgegen. Oft hält es ein und sieht mich an mit Ruhe und Vertrauen, während es
jeder anderen Richtung mit ängstlichem Misstrauen zu begegnen scheint.
    »Mich freut es ungemein,« sage ich, »dass du mir nicht abgeneigt bist. Es
lässt sich nicht leugnen, dass ich zu jenen Ungeheuern gehöre, die auf zwei Beinen
gehen. Aber alle Zweibeinigen sind nicht gefährlich. Ich schon gar nicht, ich
habe vorhin ein oder zwei Verslein gedichtet, wenn ich sie dir vorsagen darf
...«
    Da machte das Tier im Schreck einen weiten Sprung abseits.
    »Es wäre nicht lang gewesen,« sage ich bedauernd, dass ich das Reh
verscheucht, aber es kommt mir grasend bald wieder näher.
    »Es ist nicht schlau von dir, dass du mich kränkest. Das Lied ist für meinen
Schatz gemacht. Es lebt irgendwo eine, die ich im Grunde des Herzens lieb habe,
aber kein Mensch ahnt es, und sie selber auch nicht. Da habe ich ihr denn diese
Verse gedichtet. Sie müssen aber wieder vergessen werden. - Wie hältst du's in
solchen Sachen? -
    Das Tier tritt mir wieder um zwei Schritte näher und hebt zu schnuppern an.
Da
