
die Farbe? An den Ufern der Morgenseite erhebt sich über graues Gestein der
dunkle Bergwald, mild umschleiert von den Lichtfäden der Sonne. An dem
gegenüberliegenden Strande baut sich eine ungeheuere Felswand, hinter der sich
Höhen und Höhen, Hänge und Hänge schichten, bis hinan zu den höchsten Riffen und
Zinnen und Zacken am Saume des blauen Himmels. Mannigfaltig und herrlich über
alle Beschreibung zieht sich das Hochgebirge hin in einem Halbrund. Hier unten
noch Lehnen, Rasen und samtgrüne Filze der Wacholdersträucher. Dann die
milchweissen Fäden der niederstürzenden Wasserfälle, deren Tosen von keinem Ohr
vernommen in den Räumen der Lüfte verhallt. Dann die Geröllfelder, die
Schuttrisen, jedes Steinchen klar gezeichnet in der reinen Luft; dann Klüfte mit
Schatten, mit Schründen, mit Schnee; dann verwitterte Felsgestalten, wild und
hochragend, dämonenhaft in ihrer Ungeheuerlichkeit und ewigen Ruhe.
    Ein Steinadler schwingt sich im Blau, jetzt wie ein schwarzer Punkt, jetzt
wie ein silbernes Blättchen umkreist er eine Felsenspitze. Und in den hintersten
Höhen aufgerichtet, sanft lehnend, lichte Gletscher und rötlich leuchtende
Tafeln der Wände, in welchen der Griffel der Zeit stetig meisselt, um einzugraben
in den Bau der Alpen die ewige Geschichte und die ehernen Gesetze der Natur ...
    Ich sehe es noch, sehe alles noch vor meinen Augen - es ist der See im
Gesenke mit dem Bergstocke des grauen Zahn.
    Ich habe Ähnliches schon geschaut, und dennoch hat mich die Herrlichkeit
fast erschreckt. Der Freiherr aber steht da wie ein Stein. Seine Augen haben
sich verloren in dem unendlichen Bilde; seine Lippen saugen bebend die Seeluft
ein.
    Danach sind wir hinabgestiegen zu den Ufern des Sees. Hier plätschert das
Wasser an den stumpfkantigen Steinen.
    »Der See kann auch wild sein,« hat hier der Herr bemerkt, »sehen Sie, wie
weit den Hang hinan die Steine glatt geschwemmt sind?«
    Aus diesen Worten habe ich ersehen, dass Hermann ein verständiges Auge für
die Natur besitzt. - Freilich, freilich kann dieser See ein wüster Geselle
werden, so mild und lieblich er heute ruht. - - - Und jetzt kommt jählings das
Wundersame. Dort unten, wo das Gebüsche der Wilderlen in den See taucht - dort
guckt ein Menschenhaupt aus dem Wasser hervor! Es hebt sich das Haupt und von
den braunen, langen Locken und von dem blühenden Antlitz rieseln die Tropfen der
Flut. Hals und Nacken sind ein wenig sonnengebräunt, aber die sanftgebauten,
wiegenden Achseln schimmern durch das Wasser wie schneeweisser Marmor. Ein
junges, schönes Weib, eine Wasserjungfrau! Weiß Gott, ein Dichter könnt' einer
werden! So was Schönes! - Und es hat sich noch mehr zugetragen.
    Der Waldherr ist kurzsichtiger als ich und hat sich dem Bilde genähert;
