 geheiligten Deckmantel verhüllend. Ich habe Zeiten
durchlebt, da ich es für die größte Narrheit hielt, den Leuten Gutes tun zu
wollen. Aber, wenn ich ihr Elend sah und das Übermaß ihrer Leiden, da dauerten
sie mich. Ich bin ja einer von ihnen. Ich sehe den Jammer einer
jahrtausendelangen Geschichte, den sie sich selbst im blinden Ringen nach
glücklicheren Zeiten gemacht haben. Aber ich sehe auch, dass wir heute lange
nicht auf dem rechten Fleck stehen. Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse
hineinstürmen, als hier stehen bleiben! Aber wenn ich sehe, wie im rasenden
Flug, oder sagen wir, in der rasenden Flucht nach »vorwärts« das Gemüt zu
Schaden kommt, dieses unser größtes Gut, und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen
vermag, so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur, zu jenen kleinen,
patriarchalischen Verhältnissen, in welchen die Menschheit noch am natürlichsten
gelebt hat. Und wenn das auch nicht geht, weil's nicht gehen kann, dann ....!
    Nein doch, ich vertraue der Zukunft. Es werden Stürme kommen, wie sie die
Welt noch nicht gesehen; aber wenn wir die großen Anbilder und Tugenden der
Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute, die Schlichteit, die
Opferwilligkeit, den Familiensinn, den Frohsinn, die Liebe, die Treue, die
Zuversicht in die Zukunft hinüberzutragen vermögen, um sie neu zu beleben und zu
verbreiten, dann wird es gut werden.
    Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben. Ich habe mich nicht betören
lassen von jener Lehre, dass der Poet neben dem Schönheitsprinzipe keine Absicht
haben solle, und auch nicht von jener, die im Dichterwerk nur Zweck will, sei es
nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin. Ich habe die Gestalt genommen,
wie sie das Leben gab, aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet. Ich habe die
hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen, wo ich glaube, dass das Schöne und
Gute steht, damit entschwindende Güter wieder ins Auge und Herz der Menschen
dringen möchten. Des Niedrigen habe ich gespottet, das Verderbliche bekämpft,
das Vornehme geehrt, das Heitere geliebt und das Versöhnende gesucht. Mehr kann
ich nicht tun.
    Soll es nun heute sein, oder in noch späteren Tagen, willig mag ich meinen
morschen Wanderstab zur Erde legen, willig meinen Namen verhallen lassen, wie
des heimkehrenden Älplers Juchschrei verhallt im Herbstwind. Aber ich - ich
selbst möchte mich an dich, du liebe, arme, unsterbliche Menschheit klammern und
mit dir sein, durch der Jahrhunderte Dämmerung hin - und Weg suchen helfen - den
Weg zu jener Glückseligkeit, die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt
und gehofft hat.
                                                                 Peter Rosegger.
 
»Weg nach Winkelsteg.«
