 sitzen müßig hier«, sagte Henner.
    »Ich habe mein Gewehr an den Steinen zerschlagen, weil ein fremder Emissär
mir es in die Hand drückte«, versetzte Viktor finster.
    »Ist aber dieser wilde Aufstand eine Betörung unserer Arbeiter und
überlegtes Werk fremder Anstifter«, sagte Henner, »wie kommt es, dass wir alle
davon ergriffen sind und kaum der Versuchung widerstehen, Pflastersteine
aufzureissen? Wer trägt die Schuld, dass ein redliches und loyales Volk, welches
durch so große Erinnerungen mit seinem Fürstenhause verbunden ist, einem solchen
plötzlichen Ausbruch seines Grimmes verfällt?«
    »Vielleicht sind Regenten und Regierte beide erkrankt, jeder in seiner
Weise, und uns allen tut Genesung not«, erwiderte Viktor.
    »Was aber vermag der einzelne für solche Besserung zu tun?«
    »Zuerst sich selbst gesund zu machen«, rief Viktor. »Der Vater hat mir
erzählt, wie ihm einst in der jammervollen Niederlage, als der Staat Friedrichs
des Großen zerbrach, der Ruf in die Seele drang, dass auch er sich für das
Vaterland hinzugeben habe. Er konnte in seinem Beruf als Arzt dienen und mit
seinem Säbel als Soldat. Ich bin nichts als Schriftsteller und habe die ersten
frischen Jahre meiner Tätigkeit auf Dinge verwandt, die mir in diesem Augenblick
so weichlich und ungesund erscheinen, dass ich mich ihrer schäme. Dies
Lippenfechten über schöne Attitüden und über die Geheimnisse einer ästhetischen
Wirkung, und ob der Schauspieler das Bein so oder anders setzen soll. Pfui! -
unterdes schlich der Hass, die Verzweiflung, die Mordlust in die Seelen der
Menschen, neben denen ich täglich vorbeiging. Aus einer furchtbaren Betörung
erwache ich. Ihnen aber gelobe ich in dieser Stunde, Henner, ich tue ab von mir
jede andere literarische Tätigkeit und all mein üppiges Schwelgen im Lande der
Träume. Ich will eine Antwort suchen auf die Frage: Wie uns und unser geliebtes
Preußen retten? Der Vater hatte es besser, er sah den Weg vor sich.«
    »Damals tat es der Säbel«, sagte Henner, »jetzt vielleicht das gesprochene
und gedruckte Wort. Was Sie auch wählen mögen, lassen Sie mich teilhaben an
Ihrer Arbeit. Ich bin nicht reich, aber ich kann als unabhängiger Mann leben,
und ich denke, diese Freiheit von jeder dienstlichen Abhängigkeit wird jedem
nötig sein, welcher von heut ab für die Erhebung seines Vaterlandes tätig sein
will.«
    Es war draußen stiller geworden, nur einzelne Schüsse und gellende Schreie
wurden gehört. An die Tür des Kellers donnerten heftige Kolbenstösse. Viktor
sprang auf, ein Offizier mit einer Abteilung Soldaten drang in das Gewölbe,
ihnen allen lag in Antlitz und Gebärde das furchtbare Grausen, welches den
Menschen entstellt, wenn er andere gewaltsam vom Leben scheidet
