 auf den
letzten Anspruch Unglücklicher verzichte, auf das Mitleid anderer Nationen mit
unserem Geschick.«
    Doch während die Klugen und Scharfsinnigen verzweifeln wollten, hatte eine
höhere Gewalt, welche das Schicksal der Menschen und der Völker mit furchtbarer
Genauigkeit abwägt nach ihren Gedanken und Werken, bereits dem Tyrannen den Pfad
gewiesen, auf dem er verderben sollte, unerhört, abenteuerlich, wie sein Leben
gewesen war. Die Geister der Zerstörung arbeiteten geschäftig in ihm selbst. Dass
er schlecht war und ein Bösewicht im Purpur, das wussten Millionen, aber während
auch seine Gegner in ihm noch den starken überlegenen Geist bewunderten, war er
in der Tat bereits ein berückter Träumer, dem Wahngebilde das Hirn betäubten.
Einst hatten ihn phantastische Ideen seiner Jugend zu den Sanddünen der
Pyramiden geführt, die grünen Fluren am Nil sollten damals eine Station werden
für seinen Alexanderzug nach Osten, weit über Syrien hinaus ins unermessliche
Blaue. Seitdem hatte er unter schwachen Dynastien und verrotteten Staatswesen
aufgeräumt und bei dieser Arbeit eines Totengräbers alles eingebüßt, was die
Seele des Mannes festigt gegen unsinnige Einfälle. Die Menschen und Völker waren
ihm geworden wie Brettsteine, die er hin und her setzte. Achtung vor
menschlicher Tugend, vor Leben und Glück der Nationen war ihm verloren, und
verloren war ihm zugleich die Fähigkeit, sich selbst zu beschränken, Zeit und
Raum abzuwägen und eigene und fremde Kraft verständig zu berechnen. Und in dem
verwüsteten Geist erhob sich aufs neue der Unsinn aus seiner Leutnantszeit; den
Blick nach Osten gewandt, träumte er wieder sich und sein Heer über Steppen und
Ströme hinaus Tausende von Meilen bis an die Fluten des Ganges und darüber ins
unermessliche Leere. Mancher aus seiner Umgebung erschrak, wenn er einmal wie ein
Trunkener von seinen Plänen sprach, keiner wusste, wie sehr der Wurm in ihm
bereits das Mark des Lebens zerfressen hatte. Die Klugen wussten es nicht, aber
der einfältige Sinn des Volkes ahnte, dass unsichtbare Gewalten gegen ihn
geschäftig waren.
    Henriette stand auf dem Ringwall und blickte hinaus nach der fernen
Heerstraße, auf der sich die Kolonnenzüge bewegten. Seitwärts bei den Dornen
arbeitete der alte Christian emsig mit Haue und Schaufel, hieb in die Erde und
rodete das Gestrüpp. »Was tut Ihr dort, Schäfer?« fragte das Mädchen. Der Alte
trocknete sich mit dem Ärmel die Stirn. »Es muss alles heraus«, sagte er, »seine
Zeit ist gekommen. Denn jedem auf Erden ist der Tag bestimmt, wo es hinweg muss;
dem Dornholz hier und den Menschen dort.«
    »Es will kein Ende nehmen mit dem Heereszuge und dem reisigen Fuhrwerk«,
klagte Henriette, »seit acht Tagen fährt es dahin von früh bis zur Nacht,
zahllos sind die Menschen, Tiere und Wagen;
