, aber nach meinem Husarenverstand mutet
sie unseren Offizieren und Soldaten allzuviel zu, denn alles bei uns ist noch zu
locker. Wer unsern Gouverneur kennt wie Sie und ich, der muss ihn lieben und
verehren bis zur Schwärmerei, und ich kenne keinen Mann auf Erden, der so rein
und ohne Rücksicht auf sich selbst für seinen König und für andere lebt. Er ist
hier wie die Sonne, die uns allen die Kraft zum Leben gibt, er allein, so dass,
wenn er uns verlorengeht, in demselben Augenblick alles auseinanderfällt. Er hat
nur eine Schwäche, er beurteilt uns alle im Grunde zu günstig. Beachten Sie
seinen Blick, er sieht immer still verklärt in die Ferne, das große Ziel hat er
fest im Auge und erfinderisch wie ein Dichter ersinnt er hundert Wege und
Auskunftsmittel, um dahin zu gelangen, aber nicht so genau schätzt er die
Hindernisse, welche ihm bei den nächsten Schritten in dem Wege stehen. Sein
ganzes Wesen treibt ihn dazu, der Tüchtigkeit menschlicher Natur zuviel zu
vertrauen, und trotz dem großen Scharfsinn, mit welchem er im ganzen die Sachen
beurteilt, wird seine Rechnung zuweilen fehlerhaft, weil er die kleinen
Reibungen und die Fehler seiner Werkzeuge nicht genug berücksichtigt.«
    »Wie vermöchte er dieses Leben auszuhalten«, versetzte der Doktor, »die
Unsicherheit, die ganz unerhörte Stellung eines Diktators, wenn nicht ein Zug
von Begeisterung und sanguinischem Glauben in ihm wären? Und ich ahne, dass er
auch von den Menschen, die ihn umgeben, manches kennt, was er allen verbirgt.
Unser bayerischer Freund sagte mir, als er ausgewechselt wurde, beim Abschiede:
Ich lasse Sie mit Bedauern hier zurück, denn die Braven hier sind alle verraten
und verkauft. Darauf erzählte er, dass ihm hier vielerlei für die Franzosen
mitgeteilt worden sei, einiges Schriftliche habe er verbrannt, schloss er, denn
ich habe nicht vergessen, dass ich ein Deutscher bin, und will mich, wenn ich Sie
als ehrlicher Soldat bekämpfen muss, nicht zum Angeber gegen die Fremden machen.«
    »Sie haben das doch dem Gouverneur mitgeteilt?« fragte der Rittmeister.
    »Hören Sie, was er mir antwortete: Wenn man mich mit Schillers
Räuberhauptmann verglichen hat, so wissen Sie jetzt auch, dass die Herren
Spiegelberg und Schufterle unserer Gesellschaft nicht fehlen.«
    Ein hoher Stabsoffizier schritt über die Bastion, ein älterer Mann mit einem
hageren, bronzefarbenen Gesicht und finsteren, scharf geschnittenen Zügen. Der
Doktor und der Rittmeister salutierten; als er vorüber war, stieß der
Rittmeister mit innerem Abscheu seinen Säbel auf den Stein. »Das ist er, und er
ist vielleicht nicht der einzige.«
    »Wie ist es möglich, dass der Graf solche Menschen im Amte
