 auf Erden den
Appetit verderben.« Beide saßen einander schweigend gegenüber.
    Wieder begann der Jüngere: »Ich las, wie ein wohlmeinender Schriftsteller
die Deutschen ermahnt, dass ihnen doch die Herrschaft bleibt im Reiche des
Geistes, in der Wissenschaft und Poesie. Darin kann kein anderes Volk sich mit
uns messen, und unsere heimische Art lebt sicher fort in unserer Muttersprache.«
    »Auf der andern Seite der Oder reden sie polnisch, jenseits des Gebirges
böhmisch, und unsere Edelleute freuen sich, wenn sie französisch parlieren
können; erzählen Sie doch den Bürgern und Bauern von der Größe unserer
Wissenschaft und Dichtkunst«, antwortete der Einnehmer.
    Wieder langes Schweigen. »Wohlan«, ermutigte sich der Doktor, »aus Trübsal
und Gefahren steigt ein neues Leben empor; was unhaltbar war, fällt um uns in
Trümmer. Die eigennützige Politik der Kabinette hat ihre Schwächen erwiesen. Die
Schranken, mit welchen die Nationen voneinander getrennt wurden, sind gebrochen;
für die Völker kommt jetzt eine Zeit brüderlicher Vereinigung.«
    »Das sagen ja die Franzosen immer«, versetzte der Einnehmer, »und dabei
treiben sie den Bauern die Kühe aus dem Stalle und raffen unsere sauer
verdienten Groschen in ihre Tasche.«
    »Auch der Kaiser, welcher jetzt mit seiner Geissel auseinanderwirft und
zerschlägt, ist der Diener einer höheren Macht; er zwingt uns zur Busse und
Einkehr in uns selbst, denn er lehrt uns, dass vieles, was wir in schlaffer
Gutmütigkeit aus der Vergangenheit bewahrt haben, ein Unrecht geworden ist. Ob
er bestimmt ist, ein besseres Leben bei uns heraufzuführen; wer wagt das zu
entscheiden?«
    »Das wage ich, als königlicher Steuereinnehmer, indem ich Ihnen im Vertrauen
sage, dass ich ihn für einen Schurken, einen Dieb und Einbrecher halte. Aber
andere unserer großen Herren sind nicht viel besser. Er nimmt's dreist in
Scheffeln, die andern furchtsam in Löffeln. Und ich wiederhole Ihnen, der
Weltlauf war immer so, und nur in seinen vier Wänden vermag der Mensch glücklich
zu sein. Zuweilen hilft dazu ein Glas Wein.« Er trug eine Flasche Ungar heran.
»Das trinken wir aus«, ermahnte er, »sonst holen es am Ende die Volksbeglücker.«
Die Freunde setzten sich zusammen. Der Wirt wollte nicht von Politik reden und
erzählte kleine schnurrige Geschichten, denen der Gast mit halbem Ohr zuhörte.
Beide Weltbürger, der, welcher sich aus der gemeinen Außenwelt in die Stille des
Hauses retten wollte, und der andere, der nach dem Hass der Könige eine
Freundschaft der Nationen erwartete, sollten noch erfahren, dass sie selbst
Besseres zu tun hatten, als über den Fall ihres Staates traurig nachzudenken.
    Auch der Doktor hatte mühevolle Tage. Es
