 der Nähe zu schauen.
    Des Abends standen die Leute jetzt in Haufen auf dem Stadtwall trotz Kälte
und Schnee und horchten schweigend in die Ferne. Wenn der Wind den Schall
herzutrug, konnte man das dumpfe Dröhnen schwerer Geschütze hören, welche der
Feind gegen Festungsmauern und gegen die Häuser umschanzter Städte richtete.
    Weihnachten kam heran; nach altem Brauche trugen die Kinder aus dem Walde
große Moospolster herzu, legten sie auf Bretter und steckten mit spitzigen
Hölzlein bunte Bilder hinein, in der Mitte das Christkind mit Maria und Joseph,
Ochs und Eselein und an die Seiten Schäfer und ihre Herden, darüber aber hingen
sie einen großen goldenen Stern und Engel, welche auf einem Papierstreifen die
Inschrift wiesen: »Gloria in excelsis.« Solchen Bau hatte der Doktor als Kind
jedes Jahr zusammengefügt. Als jetzt die Knaben seiner Wirtin das Moos aus dem
Walde heimbrachten und ihm fröhlich vorzeigten, wurde mit dem kräftigen
Waldgeruch die ganze Freude und Sehnsucht der Kinderzeit in ihm wach; er setzte
sich zu ihnen und half bei der künstlichen Arbeit, schnitt, wie sie, die Bilder
und lehrte sie eine offene Hütte zu pappen, in welcher die ruhmvolle Krippe des
Christkindes aufgestellt werden konnte. Aber während er sich aus den Schrecken
der Gegenwart hineinzuträumen suchte in den glückseligen Frieden der
Kinderarbeit, kam ihm vor, als vernehme er den dumpfen Schall ferner Schüsse, er
sah die tödlichen Geschosse in feurigem Bogen herniederbrechen in die Wohnungen
friedlicher Menschen, er sah abgehärmte Gestalten in den tiefsten Gewölben der
Häuser kauern, und er fragte sich in tiefer Empörung: Du heiliger Lehrer, dessen
Geburt die Kleinen im kindischen Spiel darstellen, du fordertest Liebe und
Frieden auf Erden. Deiner hohen Lehre stimmt alles Holde und Freundliche in
unserem Herzen zu. Hat sie recht? Oder ist Kampf und Streit der Nationen als
eine ewige Notwendigkeit von der göttlichen Vorsehung geboten, und müssen wir im
Kriege töten und uns töten lassen, um in friedlicher Zeit menschenwürdig zu
leben? Sind die Greuel dieses Jahres nötig, und kann ein Mensch das Recht haben,
dies Fürchterliche über Millionen andere heraufzubeschwören? Und wenn er sich
antwortete: Dies Leid ist der Preis, den der Mensch dafür bezahlt, dass er einem
Volke angehört und einem Staat, und Krieg ist der Zweikampf der Völker, der als
das geringere Leiden an die Stelle getreten ist einer rohen Selbstilfe der
einzelnen, welche unablässig zerstört; dann blieb er vor der Frage stehen: Wie
weit bin ich als einziger schuldig, mich dem Kampfe meines Heimatstaates
hinzugeben? So dachte er, über Moos und Fichtenreiser des Waldes gebeugt, aber
die Antwort fand er nicht.
    Dieselben Festungen, um welche in den Kriegen Friedrichs des Großen der
Kampf getobt hatte, wurden jetzt von den Franzosen belagert. Bei jeder
