 einmal die Gräfin und war weit davon
entfernt, in dem Sohne des Ungetreuen seinen dermaleinstigen Patron zu vermuten.
Angeregt durch einen Zeitungsartikel, hatte daher nur ein Zufall ihm vor kurzem
flüchtige Kunde über ihn zugetragen.
    Der junge, schöne Prinz - einen Antinous nannte ihn das Gerücht -,
leichtlebig, zu galanten Abenteuern geneigt und mit seinen knappen Finanzen
ärgerlich verwickelt, hatte längst schon über die metodischen Anforderungen des
kurfürstlichen Hofes, dem er sich als Verwandter, Mündel und Militär
untergeordnet sah, Verdruss und Langeweile zur Schau getragen, und ein Heisssporn
in den Kauf, war er bei dem lässigen Ausgang der Monarchenversammlung zu
Pillnitz während des verflossenen Herbstes in offene Empörung ausgebrochen. Er
entwich heimlich von Dresden, um an dem Hoflager des Kurfürsten Klemens in
Koblenz eine anregendere Kameraderie zu suchen. Hier in das frivole Treiben der
Emigrierten bedenklich verflochten, hatte er sich kopfüber in eine Schuldenlast
gestürzt, welche weder die Verwandtschaft von Kursachsen noch von Kurtrier zu
honorieren geneigt war. Vor kurzem sollte er nun summarischen Befehl zur
unverweilten Rückkehr nach Dresden erhalten haben, und hoffte man, auf diese
Weise bei dem sich vorbereitenden Kreuzzuge gegen den fränkischen Jakobinismus
vor einer kompromittierenden Teilnahme des fürstlichen Parteigängers
sichergestellt zu sein.
    »Es hat sich,« so schloss der Prediger sein Referat, »es hat sich nach
andertalbhundertjährigem Schlummer im deutschen Walde ein treibender Sturm
erhoben. Oben in den Wipfeln rauschts und brausts, während das Wurzelland, ein
breiter, dumpfer Weideplatz, noch der umarbeitenden Pflugschar harrt. In der
Gelehrtenwelt, in Kunst und Poesie, allerorten sehen wir einzelne Spitzen,
unverstanden oder falsch verstanden, die Menge überragen. Auch in unseren
ungezählten Dynastengeschlechtern tut sich dieses jache, ungleichartige Drängen
kund. Wie viele sind ihrer nicht, die einen genialischen Sprossen getrieben
haben? Sehen sich diese Sprösslinge nun als Erben eines Trones, wie Friedrich,
wie Joseph, oder auf anderem Gebiete, wie der edle Weimaraner, so werfen sie
sich auf zu Bahnbrechern einer neuen Ordnung, um je nach Kräften, Verhältnissen
und Temperament in ihrem Streben zu siegen oder unterzugehen, immerhin aber
einen Keim zu legen, welcher der Zukunft Früchte tragen wird. Sind es
Nebenschösslinge, wie dieser Prinz, jüngere Söhne ohne Land und Macht, aber in
fürstlicher Blendung, in fürstlicher Absonderung aufgewachsen, so sehen wir sie
nur allzu häufig als taube Blüten vom Mutterbaume ab- und dem Gesetze verfallen,
welches jede Kraft, die nicht Tat wird, zum Wahne werden lässt. Abenteurer und
Tollköpfe, Lüstlinge und Sonderlinge, Dilettanten und Pfuscher, Freigeister und
Geisterseher, rütteln sie für sich selbst an den Schranken, welche Sitte und
Herkommen bis heute geheiligt haben, ohne für die Freiheit und Wohlfahrt der
anderen eine einzige zu durchbrechen. Höher hinauf können sie nicht;
