
    Ich war an strengen Gehorsam gewöhnt; habe auch jederzeit, wo ich nicht
befehlen durfte, gern gehorcht. Ich warf also meine Kleider ab, löschte das
Talglicht, das mein Führer zurückgelassen hatte, und schlief, ohne durch eine
Spuk- oder auch nur Traumgestalt behelligt zu werden, meine sieben Stunden so
ungestört, wie ich sie mein Lebtag immer geschlafen habe und noch heute schlafe.
    Wer aber mit den Hühnern zu Bett geht, muss mit den Hühnern erwachen. Noch
bei Sternenschein war ich munter und bei Tagesgrauen in den Kleidern. Was sollte
ich vornehmen? Auf meine Bitte öffnete der Leibwächter im Vestibül mir die Tür
der Seitentreppe und ich stieg hinunter in den Garten. Bald schweifte ich
darüber hinaus in Wald und Flur und sah zum erstenmal unter freiem Himmel die
Sonne aufgehen, klar und glanzvoll wie ein Gottesauge.
    Metodisches Spazierengehen war weder ein Bedürfnis noch eine Modesache
meiner Zeit, und würde mir heute noch eine gar leidige Erholung dünken. Aber so
ungebunden schweifen durch Land und Volk, beobachten die stille Arbeit der
Natur, wenn auch die letzte vor der winterlichen Rast, die umbildende der
Menschen, Kraft und Widerstand hier wie dort - und das alles auf einem
altüberkommenen, heimatlichen Grunde -, es war ein großer Sinn, der mir an
diesem ersten Morgen in der Flur von Reckenburg aufgegangen ist, ein
ursprünglicher, starker Sinn, der mich lebenslang beglücken sollte.
    Da gewahrte ich denn zum erstenmal die Bewirtschaftung in einem bedeutenden
Dominium; sah, wie das Holz gefällt und die Flössen nach dem Strome geschleift
wurden, sah Kohlen brennen und Torf stechen, die letzten Reste des Grummets, die
Spätfrüchte der Felder einheimsen. Ich sah die Äcker für die Wintersaat neu
bestellen, die der Stallhaft entlassenen Herden Wiesen und Brachen abweiden, sah
des Wildes freies, fröhliches Treiben im umhegten Revier.
    Ich unterhielt mich mit Hirten, Arbeitern und Aufsehern über einschlägiges
Gebiet; schloss mit dem alten, verständigen Oberförster Waldkameradschaft und
machte mich auch den übrigen Beamten bekannt. Das frische, junge Blut, welches
den Namen Reckenburg trug und so urplötzlich mit seiner Neugier aus dem
schweigsamen Schloss in die Außenwelt drang, wurde mit freundlichem Vertrauen
aufgenommen: und freilich nicht am ersten Tage, aber mit der Zeit schwand auch
den armen Dörflern die Furcht, dass diese lebenskräftige Jugend unter dem
Grabeshauche des gefeiten Schlosses versteinern werde.
    Reichere Ernte hatte ich keine Stunde in Christlieb Taubes Schulstube
gehalten, heimischer mich keine Stunde in der alten Baderei gefühlt, als bei
dieser ersten Wanderung durch die Reckenburger Flur, und wie ich gegen Mittag
nach dem Schloss zurückkehrte, da war es gleich wieder eine gute Botschaft, mit
welcher Muhme Justine mir entgegentrat. Hochgräfliche Gnaden waren in der Nacht
von einem bösen Gebreste heimgesucht worden, und
