 enthüllte sich der Abgrund, in welchem mit der
Fülle des Säckels die Treue des Geliebten versunken war. Ein Zufall lüftete den
Schleier. Ob aber in Wahrheit der Taumel der Lust die scharfblickende Frau so
lange verblendet hatte? Ob sie nicht freiwillig die Augen geschlossen, solange
ein Tropfen in ihrem Freudenkelche übrigblieb? Ich glaube das letztere. Sie
würde mit diesem Manne, sie würde für ihn gedarbt, ja sie würde seine Untreue
geduldet haben, wenn er an ihre Seite zu bannen gewesen wäre. Aber die goldenen
Ketten, mit welchen die alternde Schöne den verwöhnten Lüstling gefesselt hatte,
sie sah sie geschmolzen. Kein Jahr mehr dieses schrankenlose Treiben, und sie
war eine verlassene Bettlerin. So willigte sie denn in eine Scheidung als den
einzigen Weg, nicht etwa den bisherigen Glanz, sondern einfach ihre
Existenzmittel zu retten. Der flottlebige Herr jubelte über eine Freiheit, die
ihm gestattete, seine Wünschelrute nach einem neuen Glücksborn auszuwerfen.
    Während er nun in Italien und Russland, den beiden Pflegestätten prinzlicher
wie plebejischer Abenteurer jener Zeit, das unstete Treiben seiner Jugendjahre
erneuerte, heute Soldat und morgen Seladon, gestaltete die Gräfin ihren ferneren
Lebenslauf um so stetiger. Sie zählte mehr als vierzig Jahre, war nicht mehr
schön und, nach ihrem Maßstabe, arm. Was Wunder, dass ihr die Welt verleidet, ja
dass sie ihr verhasst geworden war. So bezog sie denn das Erbe ihrer Väter mit dem
Entschlusse, den alten Grund zu einer Fundgrube für die erschöpfte Schatzkammer
umzuarbeiten.
    Nach außen hin musste der überkommene Rang behauptet werden, der gewohnte
Glanz gehütet, die gehasste Welt, und mehr als sie der noch immer geliebte Freund
über den wirklichen Mangel getäuscht werden. Er sollte fühlen, welche
Befriedigungen er so leichtfertig aufgegeben hatte. Daher die Marotte, die sie
von einem soliden Harpagon unterschied, allen und jeden Besitz, den sie beim
Einzug in ihren Neubau vorgefunden hatte, zu erhalten und beim Verbrauch zu
ergänzen, auch wenn er ihrem persönlichen Leben überflüssig geworden war und,
statt Zinsen zu tragen, Opfer forderte. Kein Menschenauge, am wenigsten das der
Gräfin, erfreute sich des weitläufigen Ziergartens rings um das Schloss, aber
Hecken und Pyramiden wurden regelrecht verschnitten, Pfade und Schnörkelbeete
säuberlich gepflegt, Statuen und Ornamente von ihren Beschädigungen durch Wetter
und Zeit geheilt. Man feierte keine Festgelage, empfing keinen Gastfreund auf
Reckenburg, aber die Fülle des Tafelgeräts, alle der zwecklosen Kostbarkeiten,
die, veräussert, in jener klammen Zeit ein nicht gering zu schätzendes,
zinstragendes Kapital abgeworfen haben würde, sie blieben, nur durch
periodisches Reinigen vor Rost und Staub geschützt, unverrückt an ihrer Stelle.
Ja selbst die massenhaften Vorräte in Speicher und Keller wurden schleunigst
ergänzt, sobald ein Bruchteil davon in Gebrauch genommen worden
