 hat die Nächte ohne Schlummer in ihrem Stuhle
aufrecht gesessen; aber nur, weil astmatische Beschwerden ihr erst am Morgen
ein paar Ruhestunden gönnten. Ja sie hat sich lange Jahre fast ausschließlich
von Grützbrei und Eicheltrank genährt; aber nur, weil der Magen keine kräftigere
Kost mehr duldete. Nicht unerklärlicherweise trotz ihrer Diät, sondern
erklärlicherweise wegen ihrer Diät hat sie sich das Dasein über das gewöhnliche
Menschenmass hinaus gefristet. Je einfacher wir, freiwillig oder gezwungen,
unsere Funktionen beschränken, um so zäher wird ja das Leben. Menschen mit
mangelnden Sinnen dauern gemeinhin länger als die mit völligen Sinnen. Geizige,
das heißt Menschen mit verknöchertem Herzen, werden fast immer uralt.
    Und so möge denn auch eingestanden sein, dass die seltsame Gründerin und
Erhalterin der Reckenburg mit solch einem verknöcherten Herzen in die Grube
gefahren ist. Wie sie aber von einem reichen Eingange zu diesem armseligen
Ausgang gelangen konnte, das erkläre Euch ein Blick über ihren Lebenslauf, der
sich auch vor meinen Augen erst nach ihrem Tode aus einer vorgefundenen
Korrespondenz im Zusammenhange enthüllt hat.
    Eberhardine von Reckenburg hatte von ihrem Vater nichts als die Trümmer
seiner Stammburg in einem sumpfigen, verrufenen Waldwinkel überkommen.
Mütterlicherseits aber war sie eine Erbtochter. In der Wiege verwaist,
verdreifachte sich ihr Vermögen unter einer gewissenhaften Vormundschaft, da die
Kurfürstin, ihre Patin, sie innerhalb ihrer eigenen Hofhaltung erziehen und
später als Hoffräulein in ihren Dienst treten ließ. Bei ihrer
Mündigkeitserklärung sah sie sich in einem Besitzstand, der ihrerzeit ein
fürstlicher genannt ward.
    Klug und ehrgeizig von Natur, besaß sie den Sinn, diesen Wert nach seinem
Abstande von dem grossenteils verarmten Höflingsadel zu ermessen. Sie galt für
schön, und sie galt sich selbst dafür; aber sie sah manche ihresgleichen sich
und anderen mit noch größerem Rechte dafür gelten, und nach einem Karneval oder
zweien, verdrängt, vergessen, von der Bühne verschwinden, sobald nicht eine
andere Macht der Schönheit eine dauernde Unterlage gab. Dass von der Tugend als
solcher Unterlage zu August des Starken Zeiten keine Rede war, braucht nicht
erörtert zu werden, aber auch der Adel gewährte sie nicht, denn die reinste
Ahnenprobe führte eine abgeblühte Schöne bestenfalls in ein Fräuleinstift. Nur
eine Goldtonne war ein zuverlässiges Piedestal. Zwischen Fest und Spiel,
inmitten der gewissenlosen Herrschaft eines Brühl und seiner tollen Nacheiferer,
gab es am Hofe von Sachsen ein junges Mädchen, das mit heimlichem Hohn die
Schnüre seines Beutels fest in den Händen hielt und mit der nüchternen
Berechnung eines Mannes seinen Schatz zu mehren verstand. Mochten die
Kartenhäuser um sie her zusammenstürzen, sie stand sicher, sie durfte steigen.
    Tag für Tag meldete sich ein Bewerber um die Hand der reichsten Partie des
Landes. Keiner genügte ihrem hochstrebenden Sinn. Sie war dreißig Jahre alt
geworden und
