 hat, es war meinem Herzen ein leerer Schall.
Sollte, konnte dieser unverständliche Geist der Geist der Kindschaft sein?
    In derlei Grübeleien über den geheimnisvollen Wahrspruch ging ich nach dem
Frühgottesdienst am Ostermorgen in unserem Garten auf und nieder. Ich achtete
nicht des goldenen Sonnenlichtes, nicht der erwachenden Vogelstimmen und
schwellenden Frühlingsblüten: ich fühlte nicht die Auferstehungslust um mich
her. Da hörte ich hinter mir Dorotees leichten Schritt; ich wendete mich rasch
und fragte mit Ernst, welche Deutung sie unserem Einsegnungsspruche gegeben
habe.
    Sie schlug die großen Augen verwundert zu mir auf und dann dunkelerrötend zu
Boden. Sie hatte den Spruch überhört oder vergessen und nicht ein einziges Mal
auf ihrem Konfirmationszeugnis nachgelesen. Ich schluckte meinen Unwillen
hinunter, zitierte den Spruch und fragte dann: »Was nennst du, von Gottes Geist
getrieben sein, Dorotee?«
    Da sann sie denn einen einzigen Augenblick nach, erbleichte dann ebenso jäh,
wie sie vorhin errötet war, hob sich auf die Zehenspitzen und flüsterte mir ins
Ohr: »Gut sein, gut sein, Hardine!«
    Im nächsten Moment aber sprang sie laut jubelnd nach einem Beet, auf welchem
sie die ersten Veilchen entdeckt hatte, pflückte sie, flocht ein paar grüne
Sprossen dazwischen und befestigte das Sträusschen an meinem Busentuch. Dann
schlüpfte sie vogelleicht durch eine Lücke des Zauns, der unsere Gärten trennte,
warf mir noch lächelnd eine Kusshand zu und flog nach dem Haus.
    »Gut sein!« hatte sie gesagt und eine innerste Stimme mir zugerufen, dass die
Kindeseinfalt das Richtige getroffen habe. In Wahrheit aber war mir das alte
Rätsel nur durch ein neues Rätsel gelöst. Hiess gut sein: handeln nach Gesetz und
Sitte, wie ich es verstand? Oder hieß es: empfinden in jenem seligsprechenden
Sinne, den ich nicht verstand?
    Ich brachte mich endlich mit Gewalt über den zweifelhaften Spruch zur Ruhe,
und es war dies das erste Mal, dass ich eine Entsagung geübt habe, die ich mir im
späteren Leben zum Gesetz stellte. Ich handelte nach meinem natürlichen Willen,
mit welchem meine Erziehung, treu dem Wahrspruch unseres Hauses, in Einklang
stand, und ich zweifelte nicht, dass es gut war, wenn ich »in Recht und Ehren«
handelte.
    Spät erst, in dem Alter, wo andere graue Haare tragen, ist jener zweite
Wahlspruch für das Leben in meiner Seele wieder aufgeklungen und durch eine
unscheinbare Fügung der Schall des Rätsels mir zu einem Sinn geworden. Wohl bin
ich heute noch keine von denen, die der Heiland schon hienieden selig preist.
Wenn wir aber eines Tages jenseit anfangen sollten, da, wo wir diesseit
aufgehört, so getröste ich mich der Hoffnung, dem Vaterreiche um eine Wegstunde
näher gerückt zu sein.
 
                                Zweites Kapitel
                                  Mosjö
