 wollen, und wir wissen es schon, sie galt auch nicht dafür. Aber wäre es
selber für Fräulein Hardine etwas Unnatürliches gewesen, eine hilflose Waise in
einer öffentlichen Anstalt zu versorgen und zu überwachen? Oder wäre, selber für
Fräulein Hardine, eine mitleidige, vielleicht vorwurfsvolle Erschütterung so
schwer zu begreifen, wenn ein Schützling aus der Jugendzeit ihr im Alter
plötzlich als eine untergegangene Kreatur gegenübertritt? Sie brauchte nur einen
Namen zu nennen, nur die Herkunft des Waisenknaben zu erklären, und der Sturm im
Wasserglase legte sich.
    Aber Fräulein Hardine nannte diesen Namen, gab diese Erklärung nicht. Die
guten Freunde schmachteten nach dem Labsal eines Wortes - aus reinster Sorge für
Ruf und Ruhe der edlen Dame, wie sich wiederum von selbst versteht -, und sie
gewährte dieses Labsal nicht. Fürwahr, Fräulein Hardine war keine mitleidige
Natur, nicht einmal gegen sich selbst. Weder jetzt noch später hat sie der
verhängnisvollen Begegnung am Königsfeste gegen irgendeinen Menschen erwähnt.
    Nach vielen Jahren jedoch und für einen bestimmten Zweck, richtiger, für
eine bestimmte Person, hat sie ihren Lebenslauf niedergeschrieben und darin ihr
»Geheimnis«, wie sie es selbst genannt, enthüllt. Sie hat es sichtlich mit Lust
und Liebe, sogar in heiterer Anordnung getan, und möchten wir uns nicht irren,
wenn wir bei Veröffentlichung dieser Bekenntnisse auf den Anteil auch eines
weiteren Kreises als den ihrer einstigen Lebensgenossen zu rechnen wagen. Denn
ist es auch ein etwas altväterisches Charakter-und Sittenbild, das wir vor dem
Leser entrollen, aus seinen Zügen spricht eine Wahrheit, die keiner Zeit und
Mode unterworfen ist. Ja, Gottes Wege sind wunderbar, auch die zu den Herzen der
Menschen!
 
                                 Mein Geheimnis
                                 Erstes Kapitel
                             Die Rose und ihr Blatt
Die Reichtümer der Reckenburg lagen meiner Wiege so fern wie die Goldminen von
Peru, und die letzten der »weißen« freiherrlichen Linie waren nicht die
begehrlichen Abenteurer, die um schnöden Mammons willen sich in das Bereich der
»schwarzen« Häuptlingin ihres Stammes gewagt haben würden. Sie hatten seit
Generationen eine Zuflucht gefunden, welche die adelige Armut ehrenvoll deckte,
und sich unter der Fahne wohl und zufrieden gefühlt. - Keiner jedoch wohler und
zufriedener als der Allerletzte in ihrer Reihe, der schon als Leutnant ein
Bäschen gefreit hatte, auch von den »Weißen«, arm und ahnenrein wie er selbst.
    Eberhard und Adelheid von Reckenburg waren geschwisterlich nebeneinander
aufgewachsen, und ich zweifle, dass in irgendeinem Stadium ihrer Bekanntschaft
das große Wort Liebe zwischen ihnen gewechselt worden sei. Große Worte sowenig
wie kleine Zärtlichkeiten waren Reckenburgscher Habitus; aus welcher Bemerkung
indessen keineswegs gefolgert werden soll, dass die Leute nicht tief im
Herzensgrunde einander angehangen hätten. Ich wüsste im Gegenteil mir kaum einen
glücklicheren Ehebund vorzustellen als den, in
