 Born, kühl und durchsichtig wie ein Kristall, da ist
einmal ein Staubkorn gefallen, das Samenkorn einer Blüte, die niemand blühen
sah. Lange, lange Jahre hat es auf dem Grunde geruht und plötzlich treibt es
verwandelt empor, und es trübt sich der klare Spiegel. Aber des Himmels Lichter
brechen sich farbig in der verdunkelten Fläche; ein erster grüner Keim drängt
über sie hinaus, bald ragt ein Blatt in die Höhe, bald eine blaue Blume von
anlockendem Duft; es lebt und webt in dem einsamen Born, es ist Frühling in ihm
und über ihm geworden, ringsumher Farbe und Würze, Vogelsang und wärmender
Sonnenstrahl. Es klingt wie ein Märchen, was dem alten Born geschah.
    Und darum, meine Kinder, nicht weil ein fremdes Schicksal der Entschleierung
harrte, - darum habe ich meine Geschichte ein Geheimnis genannt, und habe »die
Logik der Natur« verehrt als eine Hilfe der Gnade.
    Der kleinen Welt, welcher unsere Reckenburg ein gewohnter Zielpunkt geworden
war, konnte deren allmähliche Neuerung nicht entgehen, und männiglich hat man in
dem Fremdling, der sie unbewusst hervorlockte, die Erbin nicht nur des über kurz
oder lang herrenlosen Besitzes, sondern auch des erlöschenden Namens der
Reckenburg vorausgesetzt.
    Es ist mir aber niemals in den Sinn gekommen, dem alten Baume, der nach
Gottes Willen absterben sollte, dieses neue Reis aufzupfropfen. Ich habe einen
alten Adel als einen zuverlässigen Stützpunkt geehrt; ich achte einen neuen Adel
gleich einer Seifenblase. Junge Geschlechter mögen nach haltbareren Basen
trachten. Nun und nimmer aber würde ich mit dem Klange eines Namens eine
Täuschung verewigt haben, welche durch eine vorlaute Hoffnung geweckt, durch ein
halb pflichtmässiges, halb trotziges Schweigen genährt worden war. Die letzte
Reckenburgerin will auch nicht mit dem Scheine einer Unehrlichkeit in die Grube
steigen.
    Ebensowenig aber dachte ich daran, die Last eines großen Besitztums so
schwachen Schultern wie den Deinen aufzubürden. Ich war durchaus nicht gewillt,
mein Werk als eine Quelle des Behagens auch dem geliebtesten Menschen zufliessen
zu lassen. Es war ein Amt, ein Treugut, das ich übertrug, und Du bist ein Weib,
Hardine, dessen Kraft erwächst aus der Kraft des Herzens, dem es sich zu eigen
gibt. »Das Kind braucht Liebe,« sagte ich. Liebe es denn frei aus seinem Gemüte
heraus, ohne bindende Pflichten als die, welche diesem Gemüte entkeimen.
    Es geschah daher nicht geflissentlich, dass ich die Zweifel über Dein
zukünftiges Verhältnis zur Reckenburg unterhielt; nein, ich hegte diese Zweifel
selbst. Du warst geartet und erzogen, um Dich jedem Zusammenhange der gebildeten
Stände einzufügen, und man durfte voraussetzen, dass meiner Pflegetochter zu
einer sicheren Bewegung in diesem Zusammenhange die materielle Ausstattung nicht
gemangelt haben würde. Einen reichen
