 zu sehen und ohne Präliminarien einen Heiratsantrag von ihm zu
vernehmen.
    Der Mann war bei gesunden Sinnen und ernstaft wie ein Kato, heute mehr denn
je. Mich verdross diese dreiste Begehrlichkeit, wie sie mich von keinem anderen
verdrossen haben würde. »Ich zähle fünfzig Jahre, Graf,« sagte ich trocken.
    »Ich auch,« versetzte ebenso trocken der Graf.
    »Das heißt: als Mann ein Vierteljahrhundert weniger,« entgegnete ich, und er
darauf:
    »Unter den herkömmlichen Voraussetzungen einer Ehe allerdings.«
    Seine merkwürdige Offenherzigkeit begann mich zu belustigen. Ich lachte hell
auf; desto ernsthafter blieb mein Bewerber.
    »Wollen Sie nur den Gatten, nicht auch den Vater in Anschlag bringen?«
fragte er. »Ich habe Söhne - -«
    »Die eher Frauen als eine Mutter brauchen würden,« unterbrach ich ihn.
»Warum sagen Sie nicht einfach: Adoptieren Sie meine Jungen und machen Sie sie
zu Ihren Erben?«
    »Einfach, weil diese Einsetzung meinen Wünschen nicht dienen oder nur zur
Hälfte dienen würde,« antwortete der Graf gelassen. »Ich bin gewiss der erste,
das Ansehen zu würdigen, das meinen Nachkommen aus dem Namen und Erbe der
Reckenburg erwachsen würde; aber näher als der Glanz der Zukunft liegt mir das
Bedürfnis der Gegenwart. Sie trauen mir den Takt zu, Gnädigste, dass ich diesem
Bedürfnis nicht eine gefühlvolle Einkleidung geben werde. Das Leben meines
Herzens ist abgetan, und die Eitelkeit, das des Ihrigen zu erwecken, liegt mir
fern. Aber Freunde können wir einander sein; Rater und Helfer Sie mir, wie ich
Ihnen: ein offenbares Bedürfnis uns gegenseitig befriedigen.
    Sie, Fräulein von Reckenburg, stehen vor einem wohlgelungenen Werke, dessen
mechanische Erhaltung Ihnen nicht genügt. Sie sind keine beschauliche Natur,
bedürfen von Stunde zu Stunde der selbsterrungenen Erfolge. Sie sehen sich
allein und suchen unter Fremden nach einem, der einen ehrwürdigen Namen und eine
bedeutende Bestimmung von Geschlecht zu Geschlecht tragen würde. Nun, eine neue
organisatorische Wirksamkeit und einen Abschluss für die Zukunft, das ist es, was
ich Ihnen zu bieten habe, indem ich Ihnen sage: Ziehen Sie sich selber aus
reinem, kräftigem Stamm die Sprossen, die Sie dem absterbenden Baume der
Reckenburg animpfen wollen.
    Ich dahingegen - nun, Sie kennen mich, Sie wissen, was ich im allgemeinen
Gebiete leiste und im eigensten versäume. Das Leben auf meinen Gütern stagniert,
und das meiner Söhne treibt wilde Schösslinge. Ich sehe es mit der Unruhe des
Vaters und Stammhalters, sehe es - und vermag es nicht zu ändern, nicht die
weiter tragenden Entwürfe, den Ehrgeiz, wenn Sie so wollen, zu beschränken. Ich
bin nicht der erste Mann, der sein
